Als Vermittlerin zwischen Musiker*innen, Communities und digitalen Plattformen beschäftige ich mich immer wieder mit der Frage: Wie können wir Einnahmenmodelle so gestalten, dass sie nicht nur Geld verteilen, sondern auch traditionelles Repertoire schützen und den Communities langfristig nützen? In diesem Text teile ich meine Überlegungen und praktische Ansätze für ein Revenue‑Sharing‑Modell, das sowohl für direkte Verkaufskanäle wie Bandcamp als auch für Streaming‑Services wie Spotify funktioniert — mit Respekt vor kulturellen Rechten, Transparenz und Nachhaltigkeit.

Warum ein spezielles Modell für traditionelles Repertoire?

Traditionelle Musik ist oft gemeinschaftlich entstanden, mündlich überliefert und durch kulturelle Regeln geschützt. Die üblichen Verteilungsmechanismen der Musikindustrie — Einzelabschläge für Rechteinhaber*innen oder standardisierte Lizenzverträge — passen selten zu diesen Realitäten. Ich habe erlebt, wie Einnahmen in solchen Fällen entweder bei wenigen Akteur*innen hängenbleiben oder gar nicht bei den Communities ankommen, die das Erbe pflegen.

Ein angepasstes Revenue‑Sharing‑Modell muss daher drei Ebenen berücksichtigen: rechtliche Anerkennung (Urheber‑/Leistungsschutz und kulturelle Rechte), faire Verteilung (transparent und nachvollziehbar), und Reinvestition in die Community (Bildung, Archivierung, Kulturarbeit).

Grundprinzipien, die ich verfolge

  • Transparenz: Alle Zahlungen, Gebühren und Anteile müssen nachvollziehbar dokumentiert werden.
  • Partizipation: Communities und traditionelle Träger*innen sind Mitentscheider*innen bei der Verteilung.
  • Nachhaltigkeit: Ein fester Anteil wird für langfristige Projekte (Archiv, Workshops, Rechteklärung) reserviert.
  • Flexibilität: Modelle müssen sowohl digitale Verkäufe (Bandcamp) als auch Streaming‑Einnahmen (Spotify) abdecken.
  • Rechtliche Sorgfalt: Respekt für kulturelle Protokolle, gegebenenfalls ergänzende Verträge neben Standard‑DRM/Verlagsverträgen.
  • Technische und vertragliche Bausteine

    Bei der Umsetzung verbinde ich drei Ebenen: technische Infrastruktur (Metadaten, Aggregator), rechtliche Rahmen (Lizenzverträge, Vereinbarungen) und organisatorische Struktur (Kooperative, Treuhandkonto, Communityfonds).

    Metadaten & Identifikation: Saubere Metadaten sind zentral. Auf Bandcamp nutze ich ausführliche Credits in den Release‑Infos. Bei Spotify ist es wichtig, dass ISRC‑Codes, Publishing‑Angaben und Interpret*innen korrekt erfasst sind — besonders, wenn traditionelle Stücke keine einzelne*n Urheber*in haben. Ich ergänze Felder mit Herkunft, Community‑Anerkennung und manchmal mit einer kurzen Beschreibung der kulturellen Sensibilität des Stücks.

    Rechtliche Vereinbarungen: Neben Standard‑Verträgen empfehle ich ein kurzes, klar formuliertes Community‑Accord, das folgendes regelt:

  • Wer als Vertreter*in gilt und wie Entscheidungen getroffen werden.
  • Wieviel Prozentsatz der Einnahmen in einen Communityfonds fließt.
  • Wie Einnahmen ausgeschüttet und dokumentiert werden.
  • Mechanismen zur Streitbeilegung.
  • Ich lasse solche Accords möglichst einfach und mehrsprachig verfassen und arbeite oft mit lokalen Berater*innen oder Kulturvereinen zusammen, um Gültigkeit und Akzeptanz zu erhöhen.

    Praktische Verteilung auf Bandcamp

    Bandcamp ist ideal für direkte Verkäufe und Fans, die bewusst unterstützen wollen. Hier setze ich auf folgende Logik:

  • Bruttopreis: Der Käuferpreis bleibt sichtbar; Bandcamp's Gebühren und Zahlungsanbieter entfallen zuerst.
  • Communityfonds: Ein fester Prozentsatz (z. B. 20 %) wird automatisch für den Fonds reserviert. Bei Bandcamp lässt sich das nicht automatisieren; deshalb dokumentiere ich diese Reservierung öffentlich und überweise regelmäßig an ein gemeinschaftliches Treuhandkonto.
  • Ausschüttung: Der Rest wird gemäss der vereinbarten Split‑Tabelle verteilt: Interpreter*innen, Traditionsträger*innen, Produktion, Projektkosten.
  • Wichtig ist die Sichtbarkeit: Auf der Bandcamp‑Seite erkläre ich die Aufteilung offen, zeige monatliche Reports als Downloads und binde Links zu Projektergebnissen (z. B. Workshops) ein.

    Praktische Verteilung auf Spotify (und anderen Streams)

    Spotify zahlt pro Stream und verwendet Verlags‑/Labelmechanismen. Hier sind die wichtigsten Schritte:

  • Release über Aggregator: Verwende Vertriebsplattformen (z. B. DistroKid, TuneCore) oder ein Label, das Transparenz unterstützt.
  • Publisher‑Anmeldung: Auch wenn es sich um traditionelle Stücke handelt, empfehle ich eine Publishing‑Anmeldung mit klarer Beschreibung der Rechtelage; bei kollektivem Eigentum nenne ich die Community als Rechteinhaberin via Verein/Kooperative.
  • Revenue Pool & Split: Da Spotify keine Einzelzahlungen an viele Empfänger*innen ermöglicht, ist ein Poolmechanismus nötig: Einnahmen fließen an einen zentralen Account (Label/Kooperative). Von dort werden die vereinbarten Anteile ausgezahlt. Ich nutze regelmäßige Audits und veröffentliche Summaries.
  • Für automatische Abrechnung kann man moderne Payment‑Tools und Buchhaltungssoftware verknüpfen. Manche Kooperativen setzen auch Smart Contracts auf Basis von Blockchain ein — technisch möglich, aber nicht zwingend notwendig und mit eigenen Risiken.

    Beispiel‑Splittabelle

    PostenBandcamp (%)Spotify‑Pool (%)
    Communityfonds (Archiv, Bildung)2015
    Interpreten / Musiker*innen4045
    Traditions‑Träger*innen / Älteste1515
    Produktion & Marketing1515
    Verwaltung / Reserve1010

    Diese Tabelle ist ein Beispiel — die Prozentsätze sollten gemeinsam mit den beteiligten Communities ausgehandelt werden. Wichtig ist, dass der Communityfonds nie auf null sinkt.

    Monitoring, Reporting und Rechenschaft

    Ich lege großen Wert auf regelmäßige, leicht zugängliche Reports. Das bedeutet:

  • Monatliche Einnahmesummaries (Streams, Verkäufe).
  • Quartalsberichte, die Ausgaben aus dem Communityfonds dokumentieren.
  • Jährliche Zusammenfassungen mit qualitativen Ergebnissen: Workshops, Archivierungsprojekte, Veröffentlichungen.
  • Transparenz schafft Vertrauen — und das wiederum motiviert Käufer*innen und Hörer*innen, Projekte langfristig zu unterstützen.

    Probleme und wie ich damit umgehe

    Einige Fallstricke sind unvermeidlich:

  • Uneinheitliche Metadaten: Ich kontrolliere Releases vorab und arbeite mit Verteilern zusammen, die Korrekturen zulassen.
  • Administrative Kosten: Verwaltung kostet — deshalb plane ich einen kleinen festen Anteil für Administration ein und erkläre diesen offen.
  • Rechtsunsicherheit: Für komplexe Fälle ziehe ich lokale Rechtsexpert*innen hinzu und dokumentiere kulturrechtliche Absprachen zusätzlich zu Standardverträgen.
  • In vielen Projekten hat sich gezeigt: Der Aufwand für Transparenz und faire Vertragsgestaltung zahlt sich durch langfristige Beziehungen aus.

    Praktische Tipps, die ich empfehle

  • Beginne mit einer einfachen, schriftlichen Vereinbarung — besser etwas festhalten, als auf perfekte Verträge zu warten.
  • Nutze Bandcamp für direkte Unterstützer*innen und als Kommunikationsplattform.
  • Führe einen zentralen Pool für Streaming‑Einnahmen, um viele Einzelzahlungen zu vermeiden.
  • Investiere in klare Metadaten und Credits — sie sind kulturelle Anerkennung und ökonomisch relevant.
  • Sorge für Mitbestimmung der Communities bei der Mittelverwendung.
  • Wenn wir digitale Einnahmen nicht nur als Umsatzquelle sehen, sondern als Hebel für kulturelle Nachhaltigkeit, können wir mit einfachen, transparenten Mechanismen viel bewegen. Ich teile gern konkrete Tools, Mustervorlagen für Community‑Accords oder Beispiele aus meinen Projekten — wenn du möchtest, sende ich dir Materialien zu.