Als Kulturvermittlerin und Produzentin habe ich oft erlebt, wie spannend und gleichzeitig verletzlich die Zusammenarbeit zwischen Musiker*innen, Produzent*innen und Communitys sein kann – besonders wenn es um Erlöse aus Streaming und Direktverkäufen auf Plattformen wie Spotify und Bandcamp geht. In diesem Beitrag teile ich meine Erfahrungen und einen praxisorientierten Leitfaden, wie man ein transparentes Revenue-Sharing-Modell aufsetzt, das gleichzeitig das traditionelle Repertoire respektiert und schützt.
Warum Transparenz wichtig ist — und was „Schutz des traditionellen Repertoires“ bedeutet
Transparenz schafft Vertrauen. Wenn Beteiligte verstehen, wie Einnahmen entstehen, wer welche Kosten trägt und wie die Aufteilung erfolgt, sinkt das Risiko von Missverständnissen und Konflikten. Beim traditionellen Repertoire geht es oft um Lieder, Geschichten und Arrangements, die Gemeinschaftsbesitz oder kulturelles Erbe sind. Hier gilt es besonders sensibel vorzugehen: Rechteklärung, Einverständnis der Community und faire Monetarisierung sind zentral.
Grundprinzipien eines fairen Modells
- Partizipation: Alle relevanten Akteur*innen (Musiker*innen, Kulturträger*innen, Produzent*innen, ggf. Vermittler*innen vor Ort) sollen an den Verhandlungen beteiligt werden.
- Dokumentation: Jede Vereinbarung schriftlich festhalten — auch mündliche Absprachen dokumentieren.
- Verhältnismäßigkeit: Berücksichtige Beitrag, Risiko und Investition: wer hat aufgenommen, produziert, investiert, promotet?
- Kulturelle Rechte: Respektiere kollektive Rechte und Rituale; manche Inhalte sollten bewusst nicht kommerzialisiert werden.
- Transparente Abrechnung: Auszahlungstermine, Gebühren, Plattformgebühren und Steuern offenlegen.
Konkrete Schritte zur Modellgestaltung
So gehe ich in Projekten meistens vor:
- Bestandsaufnahme: Wer sind die Beteiligten? Welche Beiträge wurden geleistet (Komposition, Arrangement, Text, Instrument, Aufnahme, Management)? Gibt es Vermittler*innen oder Community-Vertreter*innen, die Anspruch anmelden?
- Rechteklärung: Handelt es sich um Traditional (gemeinfreies Material), neu adaptierte Versionen oder vollständige Kompositionen? Bei Traditionsrepertoire: existieren lokale Regeln zur Nutzung? Braucht es ein Einverständnis der Gemeinschaft?
- Kostenermittlung: Welche Kosten sind vorab angefallen (Reisekosten, Studiotage, Mixing/Mastering, Artwork, Lizenzen)? Werden diese Kosten von den Erlösen zuerst gedeckt?
- Split-Modelle vorschlagen: Erstelle transparente Split-Modelle mit Beispielen (siehe unten).
- Vertragliches Festhalten: Ein einfaches Memorandum of Understanding (MoU) oder ein detaillierter Vertrag – je nach Projektumfang.
- Reporting & Auszahlung: Vereinbare periodische Reports (monatlich/vierteljährlich) und feste Auszahlungsläufe.
Beispielmodelle für die Aufteilung (Bandcamp vs. Spotify)
Wichtig: Bandcamp-Erlöse sind Direktverkäufe (höhere Nettoquote für Künstler*innen), Spotify zahlt pro Stream (niedriger, aber skalierbar). Ich empfehle zwei getrennte, aber konsistente Regeln.
Bandcamp — Direktverkäufe (Beispiel)
| Erlösposten | Vorschlag |
| Bandcamp-Gebühr | Abzug durch Plattform (aktuell ~10–15%) |
| Fixkostenrücklage | 10% (zur Deckung von Produktions- oder Verwaltungskosten) |
| Community-/Kulturelle Vergütung | 10% (bei Traditionalen: Anteil für Community oder kulturelles Erhaltungsprojekt) |
| Rest für Künstler*innen/Produktion | Aufteilung nach vereinbarten Splits (z. B. 50% Performer, 30% Produzent, 20% Label/Organisation) |
Beispielrechnung: Verkaufserlös 10 EUR → nach Bandcamp (1,50 EUR) = 8,50 EUR → Fixkostenrücklage 0,85 EUR → Community 0,85 EUR → verbleibend 6,80 EUR, aufgeteilt laut Split.
Spotify — Streaming (Beispiel)
Bei Spotify empfehle ich, mit %-Splits auf Nettoserien zu arbeiten, da die Erlöse klein, aber kontinuierlich sind.
- Plattformgebühr und Verlagsansprüche (falls vorhanden) zuerst klären.
- Fixkostenrücklage: 5–10% für Verwaltungsaufwand.
- Community-/Kulturausgleich: 5–10% (bei Traditionals konsistent halten).
- Rest aufteilen nach Leistung: z. B. 60% Performer*innen (unterteilt nach Spielzeit/Lead-Anteil), 25% Produzent/Label, 15% Songwriter/Rights-Halter.
Wie Splits technisch und administrativ umgesetzt werden
- Metadaten pflegen: Auf Bandcamp und bei Distributor*innen (z. B. DistroKid, CD Baby, Amuse) saubere Credits einpflegen: Performed by, Composer, Arranger, Rights Owner, ISRC, UPC.
- Split-Tools nutzen: Plattformen wie Songtrust oder Stem (für digitale Distribution) können helfen, Einnahmen automatisch aufzuteilen. Sie kosten, sparen aber Verwaltungsaufwand.
- Separate Konten: Richte für das Projekt ein separates Bankkonto oder ein Treuhandkonto ein, um Einnahmen zentral einlaufen zu lassen.
- Regelmäßige Abrechnungen: Sende quartalsweise transparente Reports mit Einnahmen, Abzügen und Auszahlungen.
- Steuern & Compliance: Kläre steuerliche Pflichten im Voraus — insbesondere bei internationalen Zahlungen und bei Zahlungen an Community-Vertreter*innen.
Besondere Regeln für Traditionales Repertoire
Bei Liedgut, das aus einer Gemeinschaft stammt, empfehle ich zusätzliche Schutzmaßnahmen:
- Community-Kommentar: Hole schriftliches Einverständnis ein, idealerweise mit Beschreibung, wie Einnahmen verwendet werden (z. B. Bildung, Kulturförderung vor Ort).
- Nicht-kommerzielle Klausel: Manche Teile eines Repertoires dürfen nur für Bildungs- oder Archivierungszwecke genutzt werden — das sollte vertraglich geregelt werden.
- Langfristige Fonds: Lege einen Teil der Erlöse in einen Community-Fonds oder ein Stipendium zur Förderung lokaler Kulturarbeit.
- Credit & Storytelling: Stelle sicher, dass Credits und Hintergrundgeschichten die Herkunft deutlich machen — das ist Teil des Schutzes und der Anerkennung.
Beispiele aus der Praxis
Ich erinnere mich an ein Projekt mit Musiker*innen aus einer kleinen Gemeinde in Westafrika: Wir vereinbarten 15% aller Nettoeinnahmen als Community-Fonds, 10% Rücklage für Technik und Distribution und den Rest zwischen Performer*innen und Produzent*innen je nach Beitrag. Wichtig war die regelmäßige Versammlung mit Vertreter*innen, um Berichte vorzulegen — das hat Vertrauen geschaffen und Missverständnisse verhindert.
Ein anderes Beispiel: Bei einer Bandcamp-Only-EP konnten wir mit klarer Kommunikation gegenüber Käufer*innen (z. B. „50% goes to the artists, 10% to the community project“) zusätzliches Interesse und Motivation erzeugen. Transparente Labels auf der Produktseite wirken oft Wunder.
Praktische Vertragsklauseln, die ich empfehle
- Definition der Einnahmenbasis (Brutto vs. Netto).
- Auflistung aller Abzüge (Plattformgebühren, Steuern, Rücklagen).
- Prozentsätze der Verteilung und Berechnungsformel.
- Ablauf der Reporting- und Auszahlungstermine.
- Klausel zur Änderung der Splits (z. B. Änderung nur mit Zustimmung aller Beteiligten).
- Konfliktlösungsmechanismus (Mediation vor rechtlichen Schritten).
Wenn du möchtest, kann ich dir eine einfache Vertragsvorlage (MoU) und ein Excel-Beispiel für die Berechnung eines Splits erstellen, das du an dein Projekt anpassen kannst. Mir ist wichtig: Ein transparentes Modell ist kein starres Konstrukt, sondern ein lebendiges Abkommen, das mit der Community wächst und sich anpasst — immer mit Respekt für das kulturelle Erbe, das wir teilen und schützen wollen.