Wenn ich ein Programm plane, das rituelle Gesänge neben zeitgenössischer Performance stellt, frage ich mich zuerst: Wen lade ich ein, mit welchem kulturellen Wissen, und mit welchem Einverständnis? Für mich ist die Antwort klar: ohne Respekt, Transparenz und echte Kooperation lasse ich ein solches Projekt nicht stattfinden. Im Folgenden teile ich praktische Schritte, Reflexionen und Fallstricke, die mir in Projekten mit indigenen Sänger*innen, spirituellen Praktiker*innen und interkulturellen Ensembles begegnet sind.
Beziehungen vor Programmierung: Warum Zusammenarbeit zentral ist
Rituelle Gesänge sind oft eingebettet in komplexe soziale, spirituelle und zeitliche Zusammenhänge. Deshalb beginne ich nicht mit dem Rampenlicht, sondern mit Beziehungen. Das bedeutet konkret:
- Ich suche direkte Kontakte zu Praktiker*innen oder Kulturvermittler*innen, nicht nur zu Agenturen.
- Ich investiere Zeit für Gespräche über Bedeutung, Funktion und Grenzen der Praxis.
- Ich frage nach, welche Elemente öffentlich geteilt werden dürfen — manche Gesänge oder Rituale sind heilig und sollten nicht aus dem Kontext gelöst werden.
Einverständnis ist kein einmaliger Akt. Ich verstehe es als fortlaufenden Dialog: Vor, während und nach der Veranstaltung klären wir Verwendung, Aufzeichnung, Veröffentlichung und mögliche Kommerzialisierung.
Vorbereitung: Recherche, Kontextualisierung und Transparenz
Gute Recherche schützt vor Missverständnissen. Ich sammele nicht nur Hintergrundinformationen, sondern teile sie offen mit allen Beteiligten. Wichtige Punkte:
- Kontext: Welchen Stellenwert hat der Gesang für die Community? Ist er alltäglich, rituell, initiatorisch?
- Tabus: Gibt es Verbote bezüglich Instrumenten, Orten, Kleidungsstücken oder fotografischen Aufnahmen?
- Sichtbarkeit: Wie sollen die Performer*innen präsentiert werden — als Kulturträger*innen, Künstler*innen, oder beides?
Ich stelle Programmtexte, Pressemitteilungen und Social-Media-Posts vorab zur Genehmigung zu. So vermeiden wir, dass sensible Inhalte vereinfacht oder sensationalisiert werden.
Partizipation und faire Vergütung
Ich verhandle immer fair. Das heißt für mich:
- Gerechte Honorare, Reisekostenübernahme und angemessene Hospitality – auch wenn das Budget knapp ist.
- Transparente Verträge, die Rechte an Aufnahmen, Merchandising und Weiterverwendung regeln.
- Möglichkeit für zusätzliche Honorare, falls Teile des Materials weiterverwertet werden (z. B. für eine Dokumentation).
Viele traditionelle Praktiken werden systematisch unterbezahlt. Ich sehe es als meine Verantwortung, ökonomische Gerechtigkeit herzustellen.
Dramaturgie: Integration ohne Vereindeutigung
Die größte Herausforderung ist, rituelle Gesänge authentisch zu zeigen und gleichzeitig ein kohärentes Programm zu schaffen, das zeitgenössische Performances nicht trivialisiert. Einige dramaturgische Strategien, die ich nutze:
- Interludes statt Fusionen: Ich vermeide erzwungene „Verschmelzungen“ unterschiedlicher Traditionen. Stattdessen setze ich Übergänge oder stille Interludes, die Raum für Respekt lassen.
- Kontextsensitive Reihenfolge: Oft platziere ich rituelle Darbietungen an Stellen, an denen der Raum ruhiger ist (z. B. früher Abend), und avantgardistische Performances später.
- Moderator*innen / Gesprächsformate: Ein kurzes Einführungsgespräch auf der Bühne oder ein moderiertes Q&A hilft dem Publikum, den kulturellen Rahmen zu verstehen.
Bühne, Raum und technische Gestaltung
Die räumliche Inszenierung beeinflusst, wie rituelle Gesänge erlebt werden. Ich bespreche mit den Performer*innen:
- Begrenzungen bezüglich Licht, Lautstärke und Bühnenaufbauten (manche Rituale verlangen natürliche Materialien oder bestimmte Platzierungen).
- Akustik: Rituelle Gesänge entfalten oft erst in einer intimen, resonanten Atmosphäre ihre Wirkung. Ich bevorzuge akustische Verstärkung sparsam und transparent.
- Aufnahmen: Wenn es Aufnahmen geben soll, kläre ich, ob sie stockend, ganz oder gar nicht erlaubt sind.
Techniker*innen briefen wir nicht nur technisch, sondern auch kulturell — oft lade ich sie zu Proben ein, damit sie Sensibilität entwickeln.
Publikumsvorbereitung: Erwartungen lenken
Das Publikum trägt Mitsorge. Ich informiere Zuschauer*innen bereits beim Ticketkauf und in Vorankündigungen über Verhaltensregeln:
- Hinweise zu Fotografierverboten oder zur Frage, ob applaudiert werden darf.
- Kurze Erklärvideos oder Texte auf der Website (z. B. auf crosscultureprogramm.de) mit Hintergrundinformationen.
- Workshops vor der Vorstellung, in denen Teilnehmende in respektvoller Form einbezogen werden können.
Ethik bei Aufnahmen, Dokumentation und Veröffentlichung
Ich habe klare Richtlinien, die ich vertraglich fixiere:
- Wer besitzt die Aufnahmen? Wer entscheidet über Publikationen?
- Gibt es Materialien, die nicht geteilt werden dürfen (z. B. spezifische Teile einer Zeremonie)?
- Wie wird die Community im Begleitmaterial genannt und vergütet?
Bei internationalen Projekten arbeite ich oft mit Plattformen wie Vimeo oder institutionalisierten Archiven zusammen, aber nur wenn die Rechtefrage geklärt ist. In Deutschland denke ich zudem an GEMA-Fragen und an faire Verteilung geistiger Eigentumsrechte.
Konfliktsituationen: Sensible Fehler und wie ich damit umgehe
Auch mit größter Sorgfalt können Missverständnisse passieren. Meine Grundregeln bei Konflikten:
- Sofortige, offene Kommunikation: Ich setze mich mit allen Parteien zusammen und höre zuerst zu.
- Transparenz über Entscheidungen und deren Gründe.
- Wiedergutmachung und Anpassungen für zukünftige Veranstaltungen.
Wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen — das baut Vertrauen auf und schützt langfristige Kooperationen.
Bildung und Nachhaltigkeit: Langfristige Perspektiven
Ich strebe Projekte an, die über einen einmaligen Auftritt hinaus Wirkung zeigen. Beispiele:
- Residencies und Austauschprogramme, bei denen Künstler*innen Zeit haben, ihre Praktiken zu teilen und weiterzugeben.
- Workshops für junge Musiker*innen vor Ort, oft in Kooperation mit lokalen Kulturinitiativen.
- Dokumentationen und Bildungsressourcen, die gemeinsam mit der Community erstellt werden.
Langfristigkeit heißt auch, Netzwerke aufzubauen: Ich vernetze Performer*innen mit Kurator*innen, Wissenschaftler*innen und Förderstellen (z. B. Kulturstiftungen), damit Projekte nicht aus einem einmaligen Impuls entstehen.
Praktische Checkliste für die Veranstaltung
Wenn ich ein Projekt organisiere, arbeite ich mit einer Checkliste, die ich hier kompakt teile:
- Vorabgespräche: Bedeutungen, Tabus, Genehmigungen.
- Verträge: Honorar, Reisekosten, Rechte an Aufnahmen.
- Raum: Akustik, Licht, Platzierung, spirituelle Anforderungen.
- Publikum: Informationsmaterial, Verhaltensregeln, Moderation.
- Dokumentation: Absprachen zu Aufnahmen und Veröffentlichungen.
- Nachbereitung: Feedback, finanzielle Abrechnungen, Follow-up mit Community.
Diese Schritte mögen aufwendig erscheinen — aber sie sind nötig, wenn wir kulturelle Vielfalt nicht nur zeigen, sondern verantwortungsvoll teilen wollen. Ich bevorzuge langsame, gut vorbereitete Formate gegenüber spontanen Experimenten ohne Einverständnis. Oft entstehen daraus die stärksten, nachhaltigsten Projekte.