Als Kulturvermittlerin, die seit Jahren bilingual interviewt und für Radio- und Podcastproduktionen arbeitet, frage ich mich oft: Wie bleibt die kulturelle Nuance erhalten, wenn ein Gespräch zwischen zwei Sprachen vermittelt wird — und zugleich brauchbar für eine Radioproduktion? In diesem Beitrag teile ich meinen persönlichen Leitfaden, konkrete Formulierungen und technische Tipps, die mir in der Praxis geholfen haben.

Warum ein bilingualer Leitfaden wichtig ist

Ein gut durchdachter bilingualer Interview-Leitfaden schafft zwei Dinge: Er sichert inhaltliche Tiefe und kulturelle Sensibilität, und er erleichtert die Produktion, Schnitt und Redaktion für Radioformate. Ohne klare Struktur verlieren Interviews leicht an Kontext — besonders, wenn idiomatische Ausdrücke, kulturelle Referenzen oder nicht-übersetzbare Worte fallen.

Vor dem Interview: Recherche und Vorbereitung

Ich beginne immer mit einer doppelten Recherche:

  • Inhaltlich: Wer ist die Person? Welche kulturellen Codes sollten beachtet werden?
  • Sprachlich: Welche Wörter oder Phrasen könnten problematisch sein? Gibt es Dialekte oder Fachbegriffe?

Praktisch bedeutet das: Ich erstelle eine Liste mit potenziellen Fallstricken (z. B. Ehrbegriffe, Tabuthemen, politische Nuancen) und bespreche sie vorab mit der Gesprächspartnerin oder dem Gesprächspartner. Oft sende ich eine kurze, zweisprachige Übersicht per E‑Mail: Stichworte, Ablauf, Einverständniserklärung zur Aufnahme und zum späteren Schnitt.

Struktur des Leitfadens

Ein Leitfaden sollte klar gegliedert sein, damit Gesprächspartnerinnen wissen, worauf sie sich einlassen, und Redakteurinnen später beim Schnitt eine klare Abfolge vorfinden. Meine bevorzugte Struktur:

  • Begrüßung und Kontext (zweisprachig)
  • Hauptthemen mit offenen Fragen
  • Vertiefungsfragen / Follow-ups
  • Abschluss & Einverständnis

Jede Frage notiere ich in beiden Sprachen nebeneinander — so kann ich während des Interviews fließend wechseln und schnell nachlesen.

Beispielformat: zweisprachige Fragepaare

Hier ein kleines Muster, das ich häufig nutze. Die linke Spalte ist die Sprache des Gastes, die rechte die Sendersprache.

Gast-Sprache Sender-Sprache
Wie bist du zur Musik gekommen? How did you come to music?
Welche Tradition oder lokalen Klänge prägen dein Schaffen? Which traditions or local sounds shape your work?
Gibt es ein Wort in deiner Sprache, das dieses Gefühl beschreibt? Is there a word in your language that describes this feeling?

Formulierungen, die kulturelle Nuance bewahren

Ich achte besonders auf Fragen, die Raum für Erklärungen lassen und nicht verkürzen. Beispiele für offene, nuancenerhaltende Fragen:

  • "Kannst du das Wort X kurz erklären — gibt es eine Übersetzung oder ist es eher einzigartig in deiner Sprache?"
  • "Welche Geschichten verbinden Menschen in deiner Community mit diesem Instrument/Genre?"
  • "Wie reagiert dein Umfeld auf deine Arbeit — gibt es Missverständnisse, die du oft erklärst?"

Solche Fragen ermutigen zur Kontextualisierung statt zur Simplifizierung. Wenn Gäste Beispiele oder Anekdoten erzählen, bleiben kulturelle Details erhalten und das Material wird für Radio lebendig.

Sprachwechsel während des Interviews: Regeln, die ich befolge

Ein fließender Sprachwechsel ist oft nötig, darf aber nicht verwirrend werden. Meine persönlichen Regeln:

  • Sag kurz an, wenn du die Sprache wechselst: "Jetzt auf Deutsch" oder "Jetzt auf [Sprache]". Das schafft Klarheit für die Redaktion und die Hörenden.
  • Wenn ein Begriff unübersetzbar ist, lass ihn in der Originalsprache stehen und bitte um eine kurze Erklärung.
  • Vermeide unnötiges Simultanübersetzen — das kann den Gesprächsfluss zerstören. Besser: gezielte kurze Zusammenfassungen in der Sendersprache.

Technische Hinweise für Radioproduktionen

Die Technik entscheidet oft, wie viel Nuance erhalten bleibt. Ich achte auf:

  • Mehrspur-Aufnahme (z. B. Zoom H6 oder Tascam): erleichtert Nachbearbeitung und einzelnes Anpassen von Lautstärke oder Sprachebenen.
  • Backup-Aufnahmen (z. B. mit einem Smartphone und Apps wie Voice Record Pro): falls die Hauptaufzeichnung ausfällt.
  • Echtzeit-Notizen: Timecodes für besonders wertvolle Aussagen notieren — spart viel Zeit im Schnitt.

Übersetzung, Transkription und Fairness

Bei der Übersetzung achte ich auf drei Dinge:

  • Literalität vs. Sinn: Manchmal ist eine sinngemäße Übersetzung notwendiger als ein wörtliches Wort-für-Wort. Ich markiere beides im Transkript.
  • Markierung von Idiomen oder kulturellen Referenzen: Diese kennzeichne ich im Transkript und füge eine kurze Erklärung hinzu.
  • Rücksprache mit Gästen: Bei sensiblen Passagen sende ich vor der Veröffentlichung eine Übersetzungsversion zur Prüfung.

Tools, die ich benutze: Otter.ai oder Sonix für automatische Transkripte (die Ergebnisse bearbeite ich manuell), Auphonic für Pegel- und Loudness-Normalisierung und Audacity oder Adobe Audition für den Schnitt.

Schnitt und dramaturgische Entscheidungen

Im Schnitt liegt die Gefahr, Nuancen zu verlieren. Ich arbeite mit folgenden Prinzipien:

  • Kontext bewahren: Wenn ich eine Passage kürze, füge ich eine kurze Brücke/Bemerkung ein (gesprochen oder als Übersetzung), damit die Bedeutung nicht verloren geht.
  • Voice-Over sparsam einsetzen: Statt zu stark zu erklären, setze ich kurze, erklärende Einblendungen, die kulturelle Details ergänzen.
  • Originalton nutzen: Wenn möglich, lasse ich Schlüsselworte in der Originalsprache stehen — das wirkt authentisch und respektvoll.

Einverständnis, Fairness und Transparenz

Ich kläre immer im Vorfeld, wie das Material verwendet wird: Radioausstrahlung, Podcast, Social Clips. Das schließt ein:

  • Erklärung der Sendefassung (z. B. gekürzte Version, mögliche Übersetzungen)
  • Einverständniserklärung schriftlich, zweisprachig
  • Angebot, vor Veröffentlichung Transkript oder Sendefassung zu prüfen

Diese Transparenz stärkt das Vertrauen und reduziert Missverständnisse — besonders bei interkulturellen Inhalten.

Praktische Musterfragen (zweisprachig)

Zum Schluss einige konkrete Fragen, die ich in meinen Leitfäden einbaue:

  • "Kannst du dieses Konzept in einem Wort in deiner Sprache beschreiben? / Can you describe this concept in one word in your language?"
  • "Welche Kindheitserinnerung verbindet dich mit diesem Klang? / Which childhood memory connects you to this sound?"
  • "Gibt es Missverständnisse, die Menschen außerhalb deiner Kultur oft haben? / Are there misconceptions people outside your culture often have?"

Beim Erstellen eines bilingualen Interview-Leitfadens geht es mir letztlich um Respekt: für die Sprache, für die Geschichten und für die Personen, die sie teilen. Wenn man die richtigen Fragen stellt, vorbereitet ist und technische sowie ethische Aspekte beachtet, entsteht Radiomaterial, das sowohl verständlich als auch kulturell reichhaltig ist.