Ein kollaboratives Albumprojekt mit einer westafrikanischen Band zu entwickeln, das das traditionelle Repertoire schützt und zugleich zeitgenössische Hörer*innen erreicht, ist eine Aufgabe voller Verantwortung, Kreativität und Sensibilität. In meiner Arbeit als Kulturvermittlerin habe ich solche Projekte begleitet — einige liefen gut, andere lieferten Lektionen, die ich nicht missen möchte. Hier teile ich meine praktischen Erfahrungen und Überlegungen, damit du eine respektvolle, faire und künstlerisch überzeugende Produktion aufbauen kannst.

Warum Schutz des traditionellen Repertoires wichtig ist

Traditionelle Lieder und Repertoires sind oft mehr als Melodien: sie tragen Wissen, Geschichten, Rituale und Identität. Wenn wir diese Musik aufnehmen, arrangieren oder neu interpretieren, beeinflussen wir ihre Zukunft. Daher frage ich mich zuerst: Wer hat das Recht, diese Stücke zu spielen und zu verbreiten? Wie werden Inhaber*innen von kulturellem Wissen respektiert und beteiligt?

Beziehungen aufbauen statt „Projekte abfertigen“

Ein erfolgreiches, respektvolles Projekt beginnt nicht mit dem Studiotermin, sondern mit Zeit vor Ort. Ich nehme mir Wochen, manchmal Monate, um die Menschen kennenzulernen — Musiker*innen, Elders, lokale Produzent*innen. Das bedeutet: Konzerte besuchen, bei Proben sein, in Gespräche über Bedeutung und Kontext eintauchen. Dieses Vertrauen wirkt sich direkt auf die Qualität der Musik und die Authentizität der Zusammenarbeit aus.

Rechtliche und ethische Grundlagen klären

Bevor wir Notenblätter oder Aufnahmen planen, kläre ich diese Punkte:

  • Urheber- und Namensrechte: Viele traditionelle Stücke sind gemeinschaftliches Erbe. Ich bespreche mit der Band und gegebenenfalls mit Gemeindevertreter*innen, wie Credits aussehen sollen (z. B. „traditionell, Arr.: Bandname“).
  • Vertragsgestaltung: Ein einfacher, klarer Vertrag schützt alle: Honorare, Tantiemen, Nutzungsrechte, Dauer der Rechteabgabe. Ich lasse Verträge idealerweise zweisprachig fertigen (z. B. Französisch/Englisch oder lokale Sprache/Englisch).
  • Faire Bezahlung: Musiker*innen müssen am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden — Vorauszahlungen, Session-Honorare, Beteiligung an Erlösen. Das ist nicht nur ethisch, sondern auch motivierend.
  • Einverständnis und kulturelle Sensibilität: Manche Lieder oder Rhythmen sind für bestimmte Anlässe reserviert und sollten nicht kommerzialisiert werden. Ich frage nach Grenzen.

Musikalische Herangehensweise: Tradition bewahren, Zugänglichkeit schaffen

Ich verfolge drei komplementäre Wege, um Tradition und moderne Hörer*innen zu verbinden:

  • Purer, respektvoller Dokumentarismus: Einige Tracks bleiben bewusst „traditionell“ — akustisch, minimal bearbeitet, als dokumentarische Momentaufnahmen.
  • Kontextualisierte Arrangements: Traditionelle Stücke werden sparsam arrangiert, z. B. durch subtile Harmonisierungen, zusätzliche Perkussion oder dezente elektrische Gitarre, ohne die strukturelle Essenz zu zerstören.
  • Cross-over-Interpretationen: Für ausgewählte Lieder arbeite ich mit Produzent*innen, die zeitgenössische Elemente (Electronica, Jazz, Hip-Hop) integrieren — aber immer mit der Band als kreative Co-Autor*innen.

Wichtig: Ich lasse die Band über jede ästhetische Richtung mitentscheiden. Manchmal empfange ich Vorbehalte gegen zu starke Elektronik — dann suche ich Alternativen wie analoge Synths (z. B. Korg Minilogue) oder reiche, organische Arrangement-Tools.

Produktion: Studio, Mobile Recording oder Hybrid

Die Wahl des Aufnahmeorts prägt den Klang und die Stimmung:

  • Vor-Ort-Aufnahmen: In einem Dorfsaal oder unter freiem Himmel fängt man Atmosphäre und Publikum ein. Mobile Recorder wie Zoom H6 oder Sound Devices sind hier nützlich.
  • Studios: Professionelle Studios (lokal oder in einer Hauptstadt) bieten technische Qualität und Kontrolle. Ich buche Studios, wenn das Budget es zulässt — z. B. für Gesangs-Overdubs oder präzise Schlagzeugaufnahmen.
  • Hybrid-Ansatz: Live-Basisaufnahmen vor Ort, dann Feinschliff im Studio. Das kombiniert Authentizität und Produktionsqualität.

Produzent*innen und technische Teams

Die Auswahl der Produzent*innen ist entscheidend: ideal ist ein*e Produzent*in mit interkultureller Erfahrung, der zuhört, nicht dominiert. Ich bevorzuge Teams, die:

  • Erfahrung mit akustischen Instrumenten und traditionellen Strukturen haben
  • Respektvolle Herangehensweise an Arrangements und Mikrofonierung
  • Netzwerke besitzen, um das Projekt nachhaltig zu begleiten (Mixing, Mastering, Distribution)

Tipps: Für das Mixing suche ich oft Fachleute, die sowohl auf World Music als auch auf zeitgenössische Genres spezialisiert sind. Für Mastering nutze ich manchmal Mastering-Studios mit Erfahrung in globalen Produktionen, etwa Mastering The Mix oder lokale Akteur*innen mit Genre-Kenntnis.

Sprachliche und kulturelle Zugänglichkeit

Traditionelle Lieder sind oft in lokalen Sprachen gesungen. Das ist ein Schatz — und eine Herausforderung für Hörer*innen, die die Sprache nicht verstehen. Ich arbeite mit diesen Mitteln:

  • Beiliegende Booklets mit Übersetzungen und Erklärungen der Texte
  • Digitale Extras: Lyrics, Hintergrundvideos, Essays auf der Website (z. B. auf crosscultureprogramm.de)
  • Interviews und kurze Audiokommentare, die den Kontext erläutern

Transparenz ist wichtig: Ich erkläre, warum bestimmte Ausdrücke nicht wortwörtlich übertragbar sind und respektiere kulturelle Bedeutung.

Vermarktung: Authentisch und strategisch

Um zeitgenössische Hörer*innen zu erreichen, kombiniere ich traditionelle PR mit digitalen Strategien:

  • Storytelling: Menschen kaufen Geschichten. Ich erzähle die Entstehung des Albums, Porträts der Musiker*innen, Sessions und Begegnungen — in Text, Foto und Video.
  • Playlists und Kurator*innen: Ich kontaktiere kuratorische Playlists (Spotify, Apple Music) sowie radiosendungen für Weltmusik und Jazz. Eine gute PR-Agentur mit internationaler Erfahrung kann hier helfen.
  • Visuals: Fotos und einheitliches Artwork sind zentral. Für Prints setze ich auf hochwertige Booklets, die Übersetzungen und Kontext bieten.
  • Live-Formate: Touren, kleine Clubshows, Wohnzimmerkonzerte und Festivals (z. B. Weltmusik-Festivals) sind der beste Weg, um neue Zuhörer*innen zu gewinnen.
  • Social Media: Teaser-Videos, Behind-the-Scenes und kurze Clips von Sessions sprechen ein jüngeres Publikum an.

Finanzierung und faire Verteilung

Budgetplanung ist oft der schwierigste Teil. Optionen sind:

  • Förderungen (Kulturstiftungen, Auslandskulturinstitute, z. B. Goethe-Institut, Fonds Darstellende Künste)
  • Crowdfunding (Patreon, Kickstarter) — mit transparenten Belohnungen und klarer Kommunikation
  • Kooperationen mit Labeln, die faire Verträge anbieten (z. B. spezialisierte World Music-Labels)
  • Eigenfinanzierung kombiniert mit Sponsoring durch kulturelle Organisationen

Ich achte darauf, dass ein klarer Prozentsatz der Einnahmen an die Band und an Community-Projekte (z. B. Musikschulen) zurückfließt — das kann Teil des Vertrags sein.

Credits, Archivierung und Nachhaltigkeit

Alle beteiligten Akteur*innen verdienen sichtbare Anerkennung: vollständige Credits, Instrumentundspieler*innen, Produktionsdetails, Fotograf*innen. Darüber hinaus archiviere ich Materialien (Field-Recordings, Fotos, Einverständniserklärungen) sicher und zugänglich für die Community. Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass das Projekt nicht als einmaliges Erlebnis endet: Workshops, Weiterbildungsmaßnahmen oder ein lokales Release können langfristig Wirkung zeigen.

Konflikte und Probleme managen

Konflikte sind normal — Erwartungen, Missverständnisse oder finanzielle Differenzen können auftreten. Ich setze daher auf folgende Prävention:

  • Transparente Kommunikation und regelmäßige Treffen
  • Einbindung neutraler Vermittler*innen bei Bedarf
  • Flexibilität in Zeitplänen (Reisen, Rituale, lokale Events können Termine beeinflussen)

Ein kollaboratives Album ist mehr als eine Sammlung von Songs — es ist eine Brücke zwischen Welten. Wenn ich Projekte begleite, frage ich mich immer wieder: Wer profitiert? Wer wird sichtbar gemacht? Und wie können wir die Musik so teilen, dass sie respektiert, verstanden und geliebt wird — sowohl von den Menschen, die sie geschaffen haben, als auch von neuen Zuhörer*innen weltweit?