In vielen Kulturprojekten stehe ich vor der sensiblen Aufgabe, rituelle Praktiken aufzunehmen oder öffentlich zu präsentieren. Dabei geht es nicht nur um Ton- oder Bildaufnahmen, sondern um Vertrauen, Respekt und Verantwortung gegenüber den Menschen, die diese Praktiken leben. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen und präsentiere praktische Schritte, wie man Aufnahme- und Präsentationsrechte mit Älteren verhandelt, ohne kulturelle Tabus zu verletzen.

Vorbereitung: Kontext verstehen und eigene Ziele klären

Bevor ich überhaupt ein Aufnahmegerät wie ein Sony PCM-D100 oder die Zoom-Recorder auspacke, nehme ich mir Zeit, um den kulturellen Kontext zu verstehen. Ich recherchiere Hintergrundinformationen, lese wissenschaftliche Artikel und frage mich: Warum ist diese Rituale wichtig? Wer sind die Trägerinnen und Träger? Welche tabuisierenden Aspekte sind bekannt?

Gleichzeitig formuliere ich für mich klar, was ich möchte: Geht es um Archivierung, künstlerische Verwendung, Bildungszwecke, ein Festival oder ein kommerzielles Projekt? Diese Klarheit hilft, später transparent zu kommunizieren und Missverständnisse zu vermeiden.

Beziehungsaufbau vor der Verhandlung

Für mich beginnt jede ernsthafte Verhandlung lange bevor ein Vertrag aufgesetzt wird. Ich investiere Zeit in Beziehungsaufbau:

  • Besuche vor Ort ohne Aufnahmegerät, um zuzuhören und teilzunehmen.
  • Sprich mit Vermittler*innen — lokale Kulturarbeiter*innen, Übersetzer*innen oder NGOs, die Vertrauen haben.
  • Erkläre offen meine Rolle und mein Projekt in einer Sprache oder Formulierung, die für die Community verständlich ist.
  • Wichtig: Ältere Personen und Wissenshalterinnen schätzen oft Rituale des Respekts — Begrüßungsformen, Geschenke (keine Bestechung), und das Einhalten lokaler Höflichkeitsregeln. Das signalisiert, dass ich die Beziehung ernster nehme als reine Datensammlung.

    Informierte Zustimmung: Ein dialogischer Prozess

    Ich betrachte Einverständnis nicht als einmalige Unterschrift, sondern als laufenden Dialog:

  • Ich erkläre in einfachen Worten, was aufgezeichnet wird, wie Aufnahmen genutzt werden sollen und wer Zugang erhält.
  • Ich frage nach Bedenken und lasse Raum für Fragen — oft kommen diese erst nach mehreren Gesprächen.
  • Ich biete Optionen: Nur Audio, nur Foto, verzögerte Veröffentlichung, oder Präsentation nur innerhalb der Community.
  • Für die Dokumentation nutze ich Vorlagen für Einverständniserklärungen, die ich lokal anpassen lasse (z. B. Übersetzungen und Hinweise zu kulturellen Feinheiten). Formulierungen aus Organisationen wie WIPO oder UNESCO geben mir oft rechtliche Orientierung, aber die Sprache muss lokal verständlich sein.

    Sensible Themen und Tabus erkennen und respektieren

    Rituelle Tabus sind vielfältig: bestimmte Gesänge dürfen nur von Männern gesungen werden, Bilder von Initianden sind verboten, oder bestimmte heilige Orte dürfen nicht betreten werden. Ich arbeite mit einer einfachen Regel:

  • Wenn Unsicherheit besteht: nicht aufnehmen.
  • Wenn die Community sagt „nur für uns“: strikt respektieren.
  • Wenn Teile einer Zeremonie privat sind: respektvoll ausschließen und Alternativen finden (z. B. ein Gespräch darüber statt einer Aufnahme).
  • Manchmal hilft es, gemeinsam mit Älteren eine abgespeckte Version zu vereinbaren, die öffentlich gezeigt werden darf, während zentrale, tabuisierte Teile privat bleiben.

    Verhandeln: Konkrete Punkte und Formate

    Bei Verhandlungen gehe ich strukturiert vor und bespreche folgende Punkte klar und offen:

  • Rechteumfang: Welche Nutzungen sind erlaubt? (Archiv, Ausstellung, Social Media, Forschung, kommerziell)
  • Zeitliche Begrenzung: Befristete oder unbefristete Nutzung?
  • Geografische Reichweite: Lokal, national, international?
  • Finanzielle Aspekte: Honorare, Beteiligung an Erlösen, Unterstützung für die Community.
  • Urheber- und Kulturerbefragen: Anerkennung, Namensnennung, Schutz nicht veräußerbarer Rechte.
  • Ich schlage oft gestaffelte Modelle vor: Zuerst eine lokale Präsentation, dann evaluieren, ob weitere Freigaben sinnvoll sind. Für die Schriftform nutze ich einfache Verträge, die ich in Zusammenarbeit mit lokalen Anwält*innen oder Kulturorganisationen anpasse. Vorlagen von gemeinnützigen Organisationen oder Kulturinstitutionen sind hilfreich, aber die Sprache muss klar, nicht juristisch verschlossen sein.

    Faire Vergütung und Gegenleistungen

    Geld ist nicht die einzige Form der Anerkennung, aber oft wichtig. In Gesprächen frage ich, was die Gemeinschaft als fair empfindet:

  • Honorare für Wissenshalter*innen;
  • Unterstützung bei kulturellen Projekten (z. B. Material, Infrastruktur);
  • Schulungen, digitale Kopien für die Community-Archive;
  • Mitgestaltung bei Präsentationen oder kuratorischer Einbindung.
  • Ich habe erlebt, dass transparente Budgets und schriftlich vereinbarte Zahlungen Vertrauen schaffen. Wenn kommerzielle Nutzungen geplant sind, empfehle ich klare Umsatzbeteiligungen zu vereinbaren.

    Technische und organisatorische Maßnahmen

    Technik kann helfen, Grenzen einzuhalten: Ich markiere Aufnahmen mit Metadaten, die Nutzungsbedingungen enthalten. Außerdem nutze ich gesicherte Speicherlösungen (verschlüsselte Festplatten, Cloud-Lösungen mit Zugangsbeschränkungen), um unautorisierten Zugriff zu verhindern.

    MaßnahmeWarum
    Metadaten (RightsStatements)Klare Nutzungsangaben direkt in der Datei
    Zugriffsbeschränkte ArchiveSchutz sensibler Inhalte
    Sicherheitskopien an der CommunityTransparenz und Wiederauffindbarkeit

    Partizipation und Mitbestimmung

    Meine besten Projekte entstehen, wenn die Community Mitspracherecht hat. Ich lade Ältere und Wissenshalter*innen ein, bei Kuratierung, Untertiteln, Beschreibungen oder bei Begleitmaterial mitzuarbeiten. Das stärkt Selbstrepräsentation und mindert Fehlinterpretationen.

    Bei Präsentationen ermögliche ich häufig Vorab-Sichtungen: Die Gastgeber*innen prüfen das Material und geben Feedback, bevor es öffentlich wird. Das verhindert Verletzungen und schafft gemeinsame Verantwortung.

    Langfristige Verantwortung und Ethik

    Aufnahmen sind kein Objekt, das man schnell weitergibt und vergisst. Für mich beinhaltet Verantwortung auch:

  • Regelmäßige Rücksprachen mit den Älteren;
  • Angebote zur Unterstützung des kulturellen Fortbestands (z. B. Workshops, Dokumentationsprojekte);
  • Offenheit für Rücknahmen: Wenn eine Community später Einschränkungen wünscht, sollte das möglich sein.
  • Bei rechtlichen Fragen ziehe ich Expert*innen hinzu (z. B. auf kulturelles Erbe spezialisierte Anwält*innen) und orientiere mich an internationalen Empfehlungen (UNESCO, ICH-Konvention), ohne lokale Autorität zu ersetzen.

    Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen Vorlagen für Einverständniserklärungen (auf Deutsch, Englisch und einfachem Französisch) zusenden oder Beispiele für faire Honorarmodelle nennen, die ich in verschiedenen Projekten erfolgreich angewendet habe.