Warum ein transparentes Revenue-Sharing-Modell wichtig ist

Als Kulturvermittlerin begegne ich oft Musiker*innen und Communities, die traditionelle Repertoires pflegen — sei es folkige Gesänge, indigene Songs oder familiär überlieferte Melodien. Wenn diese Werke auf Streaming-Plattformen wie Spotify oder Verkaufsplattformen wie Bandcamp landen, stehen oft Fragen offen: Wer bekommt wie viel? Wer entscheidet über Bearbeitungen und Samples? Wie schützt man kulturelles Eigentum vor Ausbeutung?

Ein transparentes Revenue-Sharing-Modell schafft Vertrauen, schützt fragile kulturelle Praktiken und stellt sicher, dass Einnahmen gerecht verteilt werden. In diesem Artikel skizziere ich praxisnahe Schritte, Prinzipien und konkrete Mechanismen, die ich in Projekten empfehle.

Grundprinzipien eines fairen Modells

Bevor es an Prozentzahlen geht, halte ich vier Prinzipien für zentral:

  • Transparenz: Alle Beteiligten müssen jederzeit nachvollziehen können, wie Einnahmen fließen und wie Anteile berechnet werden.
  • Einwilligung und Mitbestimmung: Communities entscheiden über Nutzung, Bearbeitung und Distribution ihrer Traditionen.
  • Rückverfolgbarkeit: Metadata und Dokumentation müssen Herkunft, Autor*innenschaft und Vereinbarungen klar benennen.
  • Flexibilität: Modelle sollten an unterschiedliche Kontexte anpassbar sein — von Solokünstler*innen bis zu Gemeindeprojekten.
  • Praktische Schritte zur Entwicklung des Modells

    Ich empfehle eine Schrittfolge, die sowohl rechtliche als auch soziale Aspekte berücksichtigt:

  • Bestandsaufnahme: Wer sind die Urheber*innen, Mitwirkenden, Traditionshalter*innen? Gibt es Vermittler*innen oder Produzent*innen?
  • Dokumentation: Erfasse Belege, Aufnahmedaten, Interviews und Einverständniserklärungen. Nutze klare Metadatenfelder (z. B. ISRC, ISWC, Autorenangaben, Herkunftsangabe).
  • Vereinbarung aushandeln: Erarbeite gemeinsam mit allen Parteien ein schriftliches Sharing-Agreement (auch auf lokaler Sprache), das Rechte, Pflichten und Verteilung regelt.
  • Technische Umsetzung: Entscheide, welche Plattformen und Distributoren genutzt werden, und richte transparente Reporting-Mechanismen ein.
  • Monitoring und Review: Vereinbare regelmäßige Auswertungen (z. B. quartalsweise) und Anpassungsmöglichkeiten.
  • Konkrete Modelle und Aufteilungen

    Es gibt nicht das eine Muster. Ich nenne hier mehrere Modelle, die sich in der Praxis bewährt haben:

  • Basis-Split (einfach, klar): 50% Künstler*in / 30% Community-Fund / 20% Produzent*in/Vertrieb. Dieses Modell stellt sicher, dass ein Teil direkt in die Community zurückfließt.
  • Contributor-Split (detailliert): Aufschlüsselung nach Beitragsart: 40% Vocal-Performer, 20% Text/Tradition-Berechtigte, 15% Produzent*in, 15% Label/Distribution, 10% Community-Fonds.
  • Sliding Scale (kontextabhängig): Für kommerziell erfolgreiche Tracks wächst der Anteil für Traditionshalter*innen mit, z. B. 10k Streams = X%, 100k Streams = X+Y%.
  • Wichtig ist, die Verteilung in Prozenten zu dokumentieren und öffentlich zugänglich zu machen — auf einer Projektseite oder in der Bandcamp-Beschreibung.

    Ein Beispiel in Tabellenform

    Position Aufgaben Prozentanteil (Beispiel)
    Traditionshalter*innen Bereitstellung des Repertoires, kulturelle Autorität 30%
    Performende Musiker*innen Interpretation, Aufnahme 35%
    Produzent*in / Techniker*in Aufnahme, Mixing, Mastering 15%
    Label / Vertrieb Distribution, Promotion 10%
    Community-Fonds / Bildung Projektförderung, Weitergabe an Community 10%

    Technische Tools und Plattformen

    Für die praktische Umsetzung nutze ich verschiedene Tools:

  • Bandcamp: Ideal für direkte Verkäufe, flexible Preismodelle und klare Käufer-Informationen. Man kann im Store-Text explizit auf Revenue-Splits und Community-Fonds verweisen.
  • Spotify & DSPs: Hier empfiehlt sich ein Distributor (z. B. DistroKid, CD Baby) und ggf. ein Verlagsmanagement wie Songtrust, um Publishing-Rechte transparent zu managen.
  • Split-Management-Tools: Plattformen wie Stem, Songfinch oder Amuse Pro erlauben, Einnahmen automatisch anteilig zu verteilen und Reports zu liefern.
  • Smart Contracts & Blockchain (optional): Für manche Projekte kann ein Smart Contract auf Ethereum/Polygon oder eine Transparent-Payout-Lösung sinnvoll sein, um automatische Ausschüttungen zu programmieren. Das ist jedoch technisch anspruchsvoll und nicht für jede Community geeignet.
  • Metadaten, Rechteklärung und kulturelle Sorgfalt

    Oft unterschätzt: saubere Metadaten sind essenziell, damit Erlöse korrekt zugeordnet werden. Ich bestehe auf:

  • Klare Autorenangaben: Wer hat Text, Melodie, Tradition beigetragen?
  • Herkunft: Woher stammt das Material, welche Sprache, welche Community?
  • Rechtesituation: Liegt ein Copyright vor? Sind es gemeinfreie Traditionen? Gibt es kollektiv verwaltete Rechte?
  • Gleichzeitig muss kulturelle Sorgfalt walten: Manche Traditionen dürfen gar nicht kommerzialisiert werden. Ein fundiertes Einverständnis (Free, Prior and Informed Consent) ist unerlässlich — schriftlich und in der Sprache der Beteiligten.

    Reporting und Transparenz gegenüber der Community

    Transparenz bedeutet nicht nur Offenlegung der Prozentsätze, sondern auch regelmäßiges Reporting:

  • Quartalsweise Einnahmen- und Ausgabenübersicht
  • Offene Buchführung für Community-Fonds
  • Veröffentlichung der Verwendungszwecke von Community-Mitteln (Workshops, Ausrüstung, Kulturpflege)
  • Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Reporting-Meetings als hybride Veranstaltungen durchzuführen — vor Ort und per Video zugeschaltet — damit alle Beteiligten Nachfragen stellen können.

    Konfliktlösung und Governance

    Unvermeidlich sind manchmal Meinungsverschiedenheiten. Ich empfehle:

  • Ein festgelegtes Mediationsverfahren
  • Eine einfache Governance-Struktur (z. B. ein Beirat mit Vertreter*innen aus der Community, Musiker*innen und einer externen unabhängigen Person)
  • Regelmäßige Reviews und die Möglichkeit, das Sharing Agreement anzupassen
  • Solche Mechanismen helfen, Vertrauen zu erhalten und langfristige Zusammenarbeit zu sichern.

    Praxisbeispiel aus meiner Arbeit

    In einem meiner Projekte habe ich mit einer ländlichen Community in Westafrika gearbeitet. Wir einigten uns auf ein Modell, bei dem 40% direkt an die Traditionsträger*innen flossen, 20% in einen Fonds für Bildungsangebote, 25% an die Performer*innen und 15% für technische und administrative Kosten. Die Metadaten füllten wir gemeinsam aus, und die Vereinbarung lag in zwei Sprachen vor. Bandcamp nutzten wir für initiale Verkäufe und DistroKid für Streaming-Distribution. Die Kombination aus klarer Dokumentation und regelmäßigen Community-Meetings erwies sich als tragfähig.

    Wenn du möchtest, kann ich dir beim Entwurf eines konkreten Sharing-Agreements helfen — inklusive Formulierungen für Einverständniserklärungen und einer Vorlage für die Metadatenliste, die du direkt auf Bandcamp oder bei deinem Distributor nutzen kannst.