Bei Feldaufnahmen (Field Recordings) treffe ich oft auf Menschen, die neugierig, zurückhaltend oder misstrauisch sind – und das aus guten Gründen. Ein einfaches, mehrsprachiges Einverständnisformular ist für mich nicht nur ein rechtliches Werkzeug, sondern vor allem ein Vertrauensangebot. Hier schildere ich, wie ich ein solches Formular simpel, verständlich und gleichzeitig respektvoll gegenüber Communities gestalte, damit ihre Stimmen geschützt werden und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingt.
Warum ein einfaches, mehrsprachiges Formular?
In vielen Projekten habe ich erlebt, dass komplizierte juristische Texte mehr abschrecken als schützen. Ein Formular soll Klarheit schaffen: Wer speichert was, wie lange, wofür und welche Rechte behalten die Betroffenen. Mehrsprachigkeit ist zentral, weil Sprache Machtstrukturen widerspiegelt. Ich sorge dafür, dass Menschen ihr Einverständnis in ihrer bevorzugten Sprache geben können – das ist oft der erste Schritt zu echter Teilhabe.
Grundprinzipien, die ich befolge
- Einfachheit: Kurze Sätze, keine juristischen Fachbegriffe.
- Transparenz: Zweck, Verwendungsformate und Aufbewahrungsdauer klar benennen.
- Mehrsprachigkeit: Mindestens in der lokalen Sprache und in einer internationalen Lingua (z. B. Englisch, Französisch).
- Partizipation: Das Formular gemeinsam erklären und, wenn möglich, in die lokale Kultur und Begriffe übersetzen.
- Freiwilligkeit: Kein Druck, kein wirtschaftlicher Zwang zur Zustimmung.
- Rückrufbarkeit: Hinweis, wie Einverständnis widerrufen werden kann und welche Konsequenzen das hat.
Aufbau eines einfachen Formulars (meine Struktur)
Ich arbeite mit einer klaren, wiederkehrenden Struktur. Jede Sektion hat ein Ziel und wird in maximal zwei Sätzen erklärt.
- Identifikation: Wer nimmt auf? (Name, Organisation, Kontakt)
- Zweck der Aufnahme: Wofür werden die Aufnahmen verwendet? (Reportage, Forschung, Archiv, kommerziell)
- Art der Aufnahmen: Audio, Video, Fotos – ob und wie bearbeitet wird (Schnitt, Sampling)
- Dauer und Speicherung: Wie lange bleiben die Daten erhalten und wo (lokal, Cloud, Archiv)
- Rechte der Personen: Zustimmung, Widerruf, Zugriff auf die Aufnahmen
- Einverständnis: Signatur, Datum, Sprache der Einwilligung
Beispieltext für ein kurzes Einverständnis (deutsch)
Ich verwende folgenden knappen Wortlaut vor Ort, den ich dann schriftlich festhalte:
„Ich bin damit einverstanden, dass meine Stimme/ mein Bild / meine Aussagen aufgenommen und für [Zweck einsetzen] verwendet werden. Die Aufnahmen werden für [Dauer] gespeichert. Ich kann meine Zustimmung jederzeit zurückziehen unter [Kontaktinfos].“
Mehrsprachigkeit praktisch umsetzen
Ich bereite das Formular mindestens in der lokalen Sprache und in Englisch vor. Wo nötig, arbeite ich mit lokalen Übersetzer*innen oder Community-Mitglieder*innen zusammen, um kulturell angemessene Formulierungen zu finden. Wichtiger als perfekte grammatikalische Übersetzung ist, dass die zugrundeliegende Bedeutung übertragen wird.
Ein Ansatz, der sich bewährt hat:
- Kurze, parallel angeordnete Versionen: lokal / deutsch / englisch.
- Sprachliche Vereinfachung: Vermeide passive Konstruktionen, benutze direkte Anrede.
- Visuelle Hilfen: Icons für Audio, Video, Speicherung, Widerruf – das hilft bei geringer Literalität.
Wie ich mit heiklen Fällen umgehe
Manche Themen erfordern besondere Sorgfalt: religiöse Zeremonien, Aufnahmen vulnerabler Personen, Minderjährige. Ich halte mich an folgende Regeln:
- Bei Minderjährigen: schriftliche Einwilligung der Sorgeberechtigten einholen.
- Bei sensiblen Inhalten: explizit auf Risiken und mögliche Folgen hinweisen.
- Bei Gruppenaufnahmen: Gruppenvertreter*innen informieren und bei Bedarf Einzelzustimmungen sammeln.
Technische Hinweise zur Dokumentation
Ich empfehle zwei Ebenen der Dokumentation:
- Eine physische oder digitale Kopie der unterschriebenen Einverständniserklärung.
- Metadaten direkt in den Dateien (z. B. mit Software wie Audacity, Reaper oder exiftool für Fotos) – Datum, Ort, Einverständnis-ID.
| Element | Empfehlung |
|---|---|
| Aufbewahrungsdauer | Konkrete Zeitangabe (z. B. 3 Jahre) + Option zur Verlängerung mit Zustimmung |
| Speicherort | Lokales Backup + verschlüsselte Cloud (z. B. Tresorit, ProtonDrive) |
| Metadaten | Einverständnis-ID, Sprache der Zustimmung, Zweck |
Vorlage-Elemente, die ich immer einbaue
- Einverständnis-ID: Eine kurze Referenznummer, die auf Datei und Formular verlinkt ist.
- Kontaktperson: Name, E-Mail, Telefon für Rückfragen und Widerruf.
- Widerrufsprozess: Klare Schritte: Mail an Kontakt → Frist zur Entfernung von Veröffentlichungen → Ausnahme für bereits verbreitete Inhalte (bei analogem Druck / bereits veröffentlichtem Material).
- Komplette Transparenz: Hinweis, ob die Aufnahmen kommerziell genutzt werden und ob eine Beteiligung/Entschädigung vorgesehen ist.
Ethik und faire Vergütung
Ich frage immer, ob eine Form der Anerkennung oder Vergütung angemessen ist – sei es ein Honorar, eine Kopie der Aufnahme, oder Unterstützung für lokale Projekte. Faire Praxis bedeutet für mich: vorher reden, Erwartungen klären und gegebenenfalls etwas zurückgeben. Das schafft Vertrauen und nachhaltige Beziehungen.
Praxisbeispiel: kurzes Feld-Workflow
So arbeite ich typischerweise:
- Vorbereitung: Formular in relevanten Sprachen, Icons, digitale Kopie bereitstellen.
- Gespräch: Einfache Erklärung, Hörprobe der Aufnahme, Fragen beantworten.
- Dokumentation: Unterschrift (oder Audio-Recording der Zustimmung + Metadaten), Einverständnis-ID zu Datei hinzufügen.
- Nachbereitung: Kopie der Zustimmung per Nachricht oder Ausdruck zukommen lassen, Projektstatus mitteilen.
Wenn du möchtest, kann ich dir eine einfache, zweisprachige (deutsch/englisch) Vorlage schicken, die du als Ausgangspunkt verwenden und lokal anpassen kannst. Viele meiner Kolleg*innen nutzen dafür ein kurzes PDF für Unterschriften und eine Audiodatei als Backup – das hat sich in abgelegenen Regionen besonders bewährt.