Wenn ich Interviews mit Künstler*innen, Aktivist*innen oder lokalen Kulturvermittler*innen führe, ist oft eine Person dabei, die zwischen den Sprachen und kulturellen Logiken vermittelt: eine Übersetzerin, ein Übersetzer oder ein*e Kulturvermittler*in. Diese Zusammenarbeit ist für mich kein logistischer Necessaire, sondern ein kreativer Prozess. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Routinen und Fehler, damit unsere Gespräche respektvoll, präzise und lebendig bleiben.

Warum Übersetzer*innen und Kulturvermittler*innen mehr sind als „nur Stimmen“

Viele glauben, Übersetzer*innen würden nur Worte übertragen. In der Praxis sind sie aber häufig auch kulturelle Dolmetscher*innen: Sie erklären Anspielungen, kontextualisieren Begriffe und helfen, nonverbale Signale zu lesen. Ich habe gelernt, ihnen Raum zu geben, weil daraus oft tiefere, ehrlichere Antworten entstehen. Ein gutes Beispiel: Bei einem Interview mit einer Musikerin aus Mali ergab die Übersetzerin Hinweise auf lokale Formen der Höflichkeit, die meine Frageformulierung sofort besser machte.

Vorbereitung: Zeit investieren zahlt sich aus

Vor jedem Gespräch bereite ich nicht nur Fragen vor, sondern teile sie vorab mit der Übersetzerin / dem Übersetzer. Das hat mehrere Vorteile:

  • Sie können schwierige Fachbegriffe oder kulturgebundene Ausdrücke prüfen.
  • Missverständnisse lassen sich vor dem Interview ausräumen.
  • Die Übersetzer*innen können Alternativformulierungen vorschlagen, die in der Zielsprache geläufiger sind.
  • Ich schicke ein kurzes Briefing: Kontext des Interviews, Zielpublikum, geschätzte Länge und Ton (formell, kollegial, investigativ). Oft nutze ich Google Docs, damit alle Beteiligten live Kommentare hinterlassen können. Wenn möglich, nenne ich auch technische Details (Zoom-Link, Aufnahmegerät, Pausenlänge).

    Technik und Aufnahme: klare Regeln schaffen

    Technik kann eine Hürde sein. Meine Standardregeln:

  • Immer zwei Aufnahmegeräte: eines für die Tonaufnahme (z. B. Zoom H4n oder ein Smartphone mit externem Mikro) und ein Backup-Recorder.
  • Remote-Interviews teste ich 15–30 Minuten vorher mit allen Beteiligten.
  • Ich bitte darum, dass die Übersetzerin neben mir sitzt oder sichtbar ist (bei Videocalls). Das verbessert den Gesprächsfluss und vermeidet „Übersetzungen aus dem Off“.
  • Wenn ich auf Veranstaltungen unterwegs bin, erkläre ich kurz, wie ich das Audio nutze: für Transkription, Zitatprüfung und Archivierung. Transparenz schafft Vertrauen.

    Fragetechnik: kürzere Sätze, mehr Kontext

    Eine häufige Frage, die ich höre: „Wie formuliere ich Fragen, damit die Übersetzung stimmt?“ Meine Faustregel: kurze, konkrete Sätze plus ein kurzer Kontext. Statt eines langen Komplexsatzes teile ich mehrere kurze Fragen und erkläre kurz, warum ich das wissen möchte. Beispiel:

  • Weniger geeignet: „Wie hat sich Ihr künstlerischer Werdegang im Kontext der politischen Veränderungen der letzten zehn Jahre entwickelt und welche Rolle spielten dabei…“
  • Besser: „Wie hat sich Ihre Musik in den letzten zehn Jahren verändert? Können Sie ein Beispiel nennen? Haben politische Veränderungen Einfluss darauf gehabt?“
  • Gute Übersetzer*innen danken es Ihnen; sie können prägnante, idiomatisch passende Gegenfragen entwickeln, wenn notwendig.

    Direkte vs. indirekte Übersetzung: Inventar an Möglichkeiten

    Es gibt verschiedene Übersetzungsweisen, die alle ihre Berechtigung haben:

  • Wörtliche (literale) Übersetzung: Gut für Zitate, die sprachliche Besonderheiten zeigen sollen. Achtung: kann steif klingen.
  • Sinngemäße (adaptive) Übersetzung: Bewahrt die Intention, passt die Form an die Zielsprache an. Häufig meine erste Wahl für flüssige Lesbarkeit.
  • Kulturelle Vermittlung: Wenn etwas in der Quellsprache eine spezifische kulturelle Bedeutung hat, füge ich eine kurze Fußnote oder einen erklärenden Satz ein – in Absprache mit den Beteiligten.
  • Ich frage die Übersetzer*innen meistens: „Wie würdest du das im Deutschen erzählen, damit es natürlich klingt?“ Diese Einladung zur Co-Autorenschaft verbessert Qualität und Authentizität.

    Live-Übersetzung vs. nachträgliche Transkription

    Live-Übersetzung kann dynamisch sein, aber sie birgt das Risiko, Nuancen zu verlieren. Bei sensiblen Themen bevorzuge ich eine zweistufige Methode:

  • Erst die Live-Übersetzung für den Gesprächsfluss.
  • Dann eine ausführliche Transkription (evtl. von einer anderen Person) für das endgültige Textstück.
  • Transkriptions-Tools wie Otter.ai oder Amberscript helfen, doch ich lasse jede automatische Transkription immer von Menschen prüfen. Automatische Systeme stolpern schnell über Namen, regionale Ausdrücke oder Mehrsprachigkeit.

    Respektvolle Arbeitsbedingungen und Honorare

    Dieses Thema ist mir wichtig: Übersetzer*innen und Kulturvermittler*innen verdienen angemessene Bezahlung und Respekt. Ich nenne klare Konditionen vorab: Stundensatz, Pauschalen für Vor- und Nachbereitung, Reisekosten. Manchmal arbeite ich mit lokalen Organisationen zusammen, die faire Honorare definieren. Wenn möglich, zahle ich etwas mehr als den Mindesttarif—es ist eine Investition in Qualität und langfristige Beziehungen.

    Ethik: Autorenschaft, Zustimmung und Transparenz

    Ich frage vor der Veröffentlichung immer nach Zustimmung, welche Teile des Gesprächs zitiert werden dürfen und ob Zitate wörtlich bleiben sollen. Bei sensiblen Aussagen bespreche ich Alternativen (Paraphrasierung, Anonymisierung). Außerdem biete ich an, den Entwurf des Beitrags zu teilen – nicht, um zu zensieren, sondern um Fehler und Missverständnisse zu vermeiden.

    Praktische Tools, die mir geholfen haben

    Einige Tools und Routinen, die ich regelmäßig nutze:

  • Google Docs für gemeinsames Briefing und Feedback.
  • Zoom oder Jitsi für Remote-Interviews; immer mit lokalem Backup-Recorder.
  • Audacity oder Hindenburg für einfache Audiobearbeitung.
  • Otter.ai für erste Transkripte, danach manuelle Korrektur.
  • Wire oder Signal für verschlüsselte Kommunikation, wenn es um sensible Themen geht.
  • Fehler, aus denen ich gelernt habe

    Einige Fehler haben meinen Umgang mit Übersetzer*innen geprägt:

  • Zu enge Zeitpläne: Haben oft gestresste Übersetzungen zur Folge. Heute plane ich Puffer ein.
  • Keine ausreichende Vorabinformation: Hat zu Missverständnissen geführt—seitdem sende ich immer ein Briefing.
  • Unklare Rechteklärung: Vorher klären, wer welche Inhalte wie verwenden darf.
  • Fehler passieren. Wichtig ist, sie anzuerkennen und die Arbeitsbeziehung zu pflegen.

    Wenn Sie öfter mit Übersetzer*innen arbeiten wollen: bauen Sie Beziehungen auf, investieren Sie in faire Bedingungen und sehen Sie sie als Partner*innen im Erzählen. Gute Übersetzung öffnet nicht nur sprachliche Türen, sie erweitert auch unsere Perspektive auf Kultur und Klang.