Eine künstlerische Residenz mit Musikschaffenden aus zwei Kontinenten zu organisieren ist eine Herausforderung – und ein Geschenk. Ich spreche aus Erfahrung: Solche Projekte sind voller überraschender musikalischer Begegnungen, kultureller Missverständnisse und tiefgehender Lernmomente. In diesem Beitrag teile ich konkrete Schritte, praktische Tipps und Fehler, die sich vermeiden lassen, damit eure Residenz produktiv, respektvoll und inspirierend wird.
Warum eine interkontinentale Residenz?
Ich beginne oft mit der Frage: Was wollen wir mit dieser Residenz erreichen? Geht es um Forschung, ein Konzertprojekt, ein Album, oder um Austausch und Capacity Building? Bei interkontinentalen Teams ist es wichtig, Ziele von Anfang an klar zu formulieren. Für mich haben die besten Residenzen immer ein doppeltes Ziel: künstlerische Produktion und gegenseitiges Lernen. Wenn beide Seiten davon profitieren, wächst Vertrauen – und die Musik gewinnt Tiefe.
Frühe Planung: Auswahl, Zeitrahmen und Budget
Die Auswahl der Teilnehmenden bestimmt den Verlauf. Ich suche Künstler*innen, die offen für Kollaboration sind und eine klare künstlerische Vision haben. Eine bunte Zusammensetzung kann großartig sein, aber zu viele divergierende Ziele erschweren den Prozess.
Wichtige Fragen, die ich mir stelle:
- Wie lange soll die Residenz dauern? Zwei bis sechs Wochen sind realistisch für echte musikalische Co-Produktion. Ein Wochenende reicht oft nur für erste Begegnungen.
- Wer finanziert die Reise, Unterkunft und Gagen? Im Budget sollten Honorare, Flugkosten, Visa-Gebühren, Verpflegung, Studiomiete, Technik und Verwaltung enthalten sein.
- Gibt es Förderungen? Ich nutze häufig Kulturförderprogramme der EU, Nationale Kulturstiftungen oder private Sponsoren. Förderanträge brauchen Zeit – plant mindestens drei Monate Vorlauf.
Visa, Versicherungen und rechtliche Fragen
Ein Punkt, der oft unterschätzt wird: Visa und Versicherungen. Ich helfe Künstler*innen frühzeitig bei Visaanträgen, lade Einladungsbriefe hoch und kläre Arbeitsgenehmigungen. Viele Länder erlauben nur kurze Aufenthalte ohne spezielle Genehmigung.
Teilnehmer*innen sollten eine Auslandskrankenversicherung und eine Ausrüstungshaftpflicht haben. Bei Equipment lohnt sich auch eine Inventarliste und eine Dokumentation per Foto – für den Fall von Verlust oder Schäden.
Ort, Räume und Equipment
Der Ort prägt die Residenz. Ich wähle Räume mit ausreichend Ruhe und flexiblen Proberäumen: kleiner Saal, Übungsräume, Aufnahmeraum. Wichtig ist auch eine gute Akustik oder die Möglichkeit, sie zu verbessern.
Technik-Check:
- Mikrofone (große Membran, Gesang, Kondensator), DI-Boxen
- Interface (mind. 4 In/Out), Laptop mit DAW (z. B. Ableton, Reaper)
- Mischpult, Kopfhörerverstärker
- Instrumentenverstärker, Ersatzsaiten, Stimmgeräte
- Adapter, Verlängerungskabel, Mehrfachsteckdosen
Ich habe erlebt, wie ein einfaches Missverständnis über Kabeltypen einen ganzen Probetag lahmlegte. Deshalb verschicke ich vor Anreise eine detaillierte Tech-Rider-Liste und mache einen Zoom-Check mit der lokalen Technikcrew.
Kulturelle Sensibilität und Kommunikation
Interkulturelle Projekte leben von Offenheit. Ich organisiere vorab ein kurzes kulturelles Briefing: Kommunikationsstile, Höflichkeitsformen, Essensgewohnheiten, Rollenverständnisse. Manchmal ist es nötig, Erwartungen an Hierarchien oder Probenprozesse zu klären.
Ein Beispiel: In einer Residenz mit Musiker*innen aus Westafrika und Europa stellte sich heraus, dass die westafrikanischen Kollegen üblicherweise improvisationsbasiert arbeiten, während einige Europäer*innen notationstreuer waren. Wir vereinbarten feste Jam-Zeiten und separate Notationssessions – so entstand ein produktiver Mix.
Programmgestaltung: Balance zwischen Struktur und Freiheit
Ich empfehle eine Mischung aus strukturierten Sessions und offenen Jams. Ein mögliches Wochenprogramm:
- Vormittags: Workshops/Technik-Workshops
- Nachmittags: Repertoireentwicklung, Kompositionsarbeit
- Abends: Offene Probe/Jams mit lokaler Community
Rituale helfen: tägliche Check-ins (10–15 Minuten) klären Befindlichkeiten und Fortschritte. Ich setze auch Mini-Präsentationen am Ende jeder Woche an – das motiviert und schafft Transparenz.
Partizipation der lokalen Community
Eine Residenz öffnet Türen, wenn sie mit der lokalen Szene verbunden ist. Ich lade lokale Musiker*innen, Studierende und Publikum zu offenen Sessions ein. Solche Begegnungen bereichern die künstlerische Arbeit und schaffen nachhaltige Netzwerke.
Ein Tipp: Organisiert ein Community-Dinner oder kleine Pop-up-Konzerte in ungewöhnlichen Räumen – Bibliotheken, Markthallen, Kulturzentren. Das fördert Austausch und macht das Projekt sichtbar.
Dokumentation und Promotion
Dokumentiert den Prozess: Audio- und Videoaufnahmen, Fotos, kurze Interviews. Ich arbeite oft mit einem*r fixen Foto- oder Videograf*in zusammen, damit die Künstler*innen nicht abgelenkt sind.
Für die Bewerbung nutze ich:
- Website und Newsletter (Crosscultureprogramm.de ist ein gutes Beispiel für gezielte Kulturkommunikation)
- Social Media: Instagram für visuelle Eindrücke, Facebook-Events für lokale Zielgruppen
- Pressemitteilungen an lokale Kulturredaktionen
Gute Materialpakete (EPKs) erleichtern zukünftige Bewerbungen um Förderungen oder Gigs.
Finanzielle Fairness und Verträge
Transparenz bei Honoraren ist essentiell. Ich lege Gagen, Split von Erlösen (z. B. CD-Verkauf, Konzert-Einnahmen) und Rechte an Aufnahmen schriftlich fest. Ein einfacher Vertrag, der Usage-Rechte und Verteilung regelt, schützt alle Beteiligten.
Wenn internationale Veröffentlichungen geplant sind, bespreche ich Verlags- und Verwertungsrechte frühzeitig. Viele Missverständnisse entstehen später, wenn plötzlich ein Song extern lizenziert werden soll.
Verpflegung, Unterkunft und Wohlbefinden
Gutes Essen ist oft unterschätzt. Ich plane mindestens eine warme Mahlzeit pro Tag und frage nach diätetischen Bedürfnissen. Gemeinsame Mahlzeiten stärken das Team und sind Raum für informelle Gespräche.
Unterkünfte sollten sicher und günstig im Hinblick auf Wegzeiten zu Probenräumen sein. Ich bevorzuge Wohnungen oder Gästehäuser statt Einzelzimmer in Hotels – das fördert Austausch und gegenseitige Unterstützung.
Evaluation und Nachbereitung
Am Ende der Residenz führe ich eine Abschlussrunde durch: Was hat funktioniert? Was nicht? Welche Folgeprojekte ergeben sich? Ein kurzes schriftliches Feedback hilft für die Dokumentation gegenüber Förderern.
Wichtig ist auch, die entstandenen Kontakte zu pflegen: gemeinsame Playlists, geteilte Notizen, Follow-up-Calls. So wird aus einer einmaligen Residenz oft eine langfristige Kooperation.
Wenn ihr möchtet, kann ich euch Vorlagen für Budgetpläne, Tech-Rider und einfache Verträge schicken oder bei der Förderrecherche unterstützen. Solche Tools sparen Zeit und schaffen Raum für das Wesentliche: die Musik und die Begegnung.