Barrierearm zu denken bedeutet für mich nicht nur Rampen und breite Türen, sondern eine Haltung: Räume so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen teilhaben können — unabhängig von körperlichen, sensorischen, kognitiven oder sprachlichen Voraussetzungen. Bei der Planung eines inklusiven, interkulturellen Veranstaltungsortes geht es darum, physische Zugänglichkeit mit kultureller Sensibilität zu verbinden. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen, Fehler und Praxis-Tipps aus Projekten, bei denen ich mit Musiker*innen, Kulturschaffenden und Communities zusammengearbeitet habe.
Den Raum aus verschiedenen Perspektiven betrachten
Bevor ich mit baulichen Änderungen oder Programminhalten beginne, stelle ich mir Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Wie erlebt eine Person im Rollstuhl den Weg zur Bühne? Wie nehme ich blinde oder sehbehinderte Besucher*innen wahr? Verstehen Menschen mit geringen Deutschkenntnissen die Hinweise und Kommunikation? Mein Ziel ist es, den Ort so anzulegen, dass er verschiedene Bedürfnisse berücksichtigt — nicht als Extra, sondern als Standard.
Physische Zugänglichkeit: Grundlagen, die oft übersehen werden
Ein paar konkrete Punkte, die ich in jeder Planung abarbeite:
- Ebenerdiger Zugang oder gut geneigte Rampe mit rutschfester Oberfläche.
- Breite Türen (mindestens 90 cm), automatische Türöffner oder leicht zu bedienende Griffe.
- Ausreichend breite Wege zwischen Sitzreihen und Möbeln, Türschwellen minimieren.
- Hochwertige, feste Bodenbeläge (keine losen Teppiche), die für Rollstuhl und Orientierungshilfen geeignet sind.
- Barrierefreie Toiletten mit Haltegriffen, ausreichend Platz und Umklappmöglichkeiten.
- Ausreichende Beleuchtung in Eingangsbereichen und Fluchtwegen; blendfreie Leuchten.
Eine einfache Investition, die sich lohnt: ein modularer Rampenbau von Firmen wie Hünnebeck oder Portablerampen von Rampenprofi für temporäre Events.
Sinneszugänglichkeit: Hören, Sehen, Fühlen
Bei Musik- und Kulturveranstaltungen spielen akustische und visuelle Aspekte eine große Rolle. Ich achte darauf, dass das Angebot für verschiedene Sinneswahrnehmungen funktioniert.
- Induktive Höranlagen (FM/Loop-Systeme): Unverzichtbar für Menschen mit Hörgeräten. Viele Städte bieten Leihsysteme; sonst lohnt sich die Anschaffung eines Pocketalk- oder Sennheiser-Lösungs-Sets.
- Gute Beschallung und akustische Planung: Echo reduzieren, störende Hintergrundgeräusche minimieren; bei Live-Musik oft mit einem erfahrenen Tontechniker abstimmen.
- Visuelle Informationen: Klare, kontrastreiche Beschilderung; Schriftgrößen beachten (mindestens 18pt für wichtige Hinweise). Piktogramme können Sprachbarrieren überwinden.
- Taktiles Angebot: Tastmodelle, fühlbare Programme oder taktile Leitsysteme für Menschen mit Seheinschränkungen.
- Ruhige Zonen: Ein abtrennbarer Rückzugsraum für Menschen mit Reizüberflutung oder Autismus-Spektrum ist oft goldwert.
Kommunikation inklusiv gestalten
In der Kommunikation denke ich an Verständlichkeit und Mehrsprachigkeit. Oft nutze ich mehrere Kanäle gleichzeitig:
- Informationsmaterial in einfacher Sprache (Leichte Sprache) und auf Englisch sowie ggf. in den wichtigsten Muttersprachen der Zielgruppen.
- Gebärdensprachdolmetschende für Veranstaltungen — frühzeitig buchen (z. B. mit lokalen Gebärdensprachverbänden).
- Untertitelung bei Videos und Live-Übertragungen; bei Konzerten: Live-Transkription (Speech-to-Text) via Apps wie Ai-Media oder WebCaptioner.
- Klare Hinweise zu Barrierefreiheit auf der Website (z. B. auf der Seite https://www.crosscultureprogramm.de/barrierefreiheit), inkl. Kontaktmöglichkeit für individuelle Fragen.
Programmgestaltung: inklusiv und interkulturell
Ein inklusives Programm ist nicht nur „für alle“, sondern mit allen. Ich nehme Beteiligte aus den Communities früh in die Planung — Künstler*innen, Vermittler*innen, Aktivist*innen. So entstehen Formate, die kulturelle Eigenarten respektieren und Raum für Austausch lassen.
- Partizipative Formate: Workshops, Jam-Sessions, partizipative Klanginstallationen, bei denen das Publikum selbst aktiv wird.
- Kombination von Formaten: Kurzkonzerte, Gesprächsrunden und multimediale Räume erlauben verschiedene Zugänge.
- Flexible Zeitpläne: Menschen mit Assistenz brauchen oft Pufferzeiten; feste Pausen helfen bei Orientierung.
- Honorare und faire Bedingungen: Besonders bei interkulturellen Kooperationen ist faire Bezahlung und transparente Kommunikation zentral.
Personal und Schulung
Ein barrierearmer Ort lebt durch seine Mitarbeitenden. Ich investiere Zeit in Schulungen:
- Grundkurse zu Barrierefreiheit und Sensibilisierung (z. B. Schulungen durch lokale Behindertenverbände).
- Praktische Übungen: Rollstuhlparcours, Simulation von Seh- und Hörbeeinträchtigungen.
- Klare Ansprechpartner*innen für Fragen zur Barrierefreiheit während der Veranstaltung.
Technik und Möblierung: flexibel denken
Mobilität und Anpassbarkeit sind für mich Schlüsselworte. Ein paar konkrete Empfehlungen:
- Modulare Bestuhlung, die Rollstuhlplätze an vielen Positionen ermöglicht.
- Höhenverstellbare Bühnen- und Mikrofonlösungen (Bosch und Shure bieten gute Mikrofone und Ständer mit flexiblen Einstellungen).
- Klappbare Rampen und markierbare Bodenstrukturen mit taktilen Kontrasten.
Finanzierung, Förderung und Partnerschaften
Barrierearmut kostet oft zunächst mehr — aber es öffnet neue Zielgruppen und Netzwerke. Ich prüfe regelmäßig Förderprogramme (europäische Kulturförderungen, lokale Fonds für Inklusion, Stiftungen wie Aktion Mensch in Deutschland). Kooperationen mit Selbstvertretungsgruppen und Integrationsstellen sind doppelt wertvoll: Sie bringen Fachwissen und Sichtbarkeit.
Feedback und Weiterentwicklung
Nach jeder Veranstaltung sammele ich gezielt Feedback — mit verschiedenen Formaten: Onlineformulare, kurze Interviews vor Ort, Feedbackboxen in Leichter Sprache. Wichtig ist, dass Rückmeldungen ernst genommen werden und sichtbar in Verbesserungen münden. Manchmal sind es kleine Änderungen (andere Sitzanordnung), manchmal größere Investitionen (neue Toilettenanlagen).
Praxis-Checkliste (kurz)
| Zugang | Rampe, breite Türen, ebenerdige Wege |
| Toiletten | Barrierefrei, Haltegriffe, genügend Platz |
| Akustik | Loop-System, gute Beschallung, Ruhebereiche |
| Information | Mehrsprachig, Leichte Sprache, Piktogramme |
| Personal | Schulungen, feste Ansprechpartner*innen |
| Partizipation | Beteiligung von Communities, faire Honorare |
Ich habe gelernt, dass Inklusion ein Prozess ist — nie vollständig „abgeschlossen“, aber kontinuierlich verbesserbar. Ein barrierearmer Veranstaltungsort schafft nicht nur physischen Zugang, sondern auch Vertrauen. Und oft entstehen aus diesen inklusiven Räumen die schönsten, überraschendsten Begegnungen: Musiker*innen, deren Klanglinien Kulturen verknüpfen, Besucher*innen, die neue Perspektiven gewinnen, und Communities, die sich endlich gehört fühlen.