Kuratiere ich heute eine Ausstellung, die Musik, bildende Kunst und Performance verbindet, denke ich zuerst an Dialog — zwischen Disziplinen, zwischen Künstler*innen, zwischen Raum und Publikum. Solche Projekte leben von Beziehungen und von klaren, flexiblen Strukturen zugleich. In diesem Beitrag teile ich meine erprobten Strategien, häufige Fragen und praktische Tipps, damit deine interdisziplinäre Ausstellung sowohl künstlerisch kraftvoll als auch organisatorisch tragfähig wird.
Warum überhaupt Genres mischen?
Ich frage mich bei jedem neuen Projekt: Was gewinnt das Publikum, wenn Klang, Bild und Körper zusammenkommen? Die Antwort ist oft: neue Wahrnehmungsräume. Musik kann visuelle Arbeiten temporalisieren, bildende Kunst kann Klangräume verankern, Performance kann beides ins Jetzt holen. Rezeptionsweisen verschieben sich — und damit auch das Potenzial für überraschende Begegnungen.
Erste Schritte: Konzept und Zielgruppe
Bevor ich Künstler*innen auswähle, formuliere ich ein klares, aber offenes Konzept. Das bedeutet: eine zentrale Fragestellung oder ein Thema, das verschiedene Formate zulässt. Beispiele für Leitfragen:
- Wie verändert sich der Raum, wenn Klang ihn temporär neu strukturiert?
- Welche Geschichten entstehen, wenn visuelle Archive mit Live-Improvisation kollidieren?
- Wie können Performer*innen und Musiker*innen partizipative Formate mit Besucher*innen entwickeln?
Gleichzeitig definiere ich eine Zielgruppe: Sind es neugierige Nachbar*innen, Fachpublikum, Familien, Studierende? Die Zielgruppe beeinflusst Vermittlungsformate, Zeitplan und Raumgestaltung.
Künstlerische Auswahl: Kollaboration statt Anhäufung
Statt viele Einzelprojekte nebeneinander zu hängen, setze ich auf kollaborative Arbeitsprozesse. Das heißt nicht, dass alle Künstler*innen zusammenarbeiten müssen — aber es hilft, wenn die einzelnen Beiträge in Beziehung treten können. Ich frage mich:
- Gibt es thematische oder formale Überschneidungen?
- Können Klang- und Bildarbeiten sich gegenseitig Raum geben, ohne sich zu überlagern?
- Sind die beteiligten Akteur*innen offen für experimentelle Formate?
Bei der Auswahl kombiniere ich oft etablierte Namen mit lokalen oder weniger bekannten Stimmen — das schafft Spannungsfelder und Zugänglichkeit.
Raum: Architektur als Instrument
Der Raum entscheidet über die Erfahrung. Ich beziehe architektonische Gegebenheiten aktiv in die Planung ein: Deckenhöhe, Nachhallzeiten, Sichtachsen, Ein- und Ausgänge. Bei Klanginstallationen messe ich akustische Parameter oder arbeite mit Techniker*innen, um etwaige Überlagerungen zu vermeiden.
Manchmal wähle ich ungewöhnliche Orte: Industriehallen für dröhnende, raumfüllende Kompositionen; kleine Atelierräume für intime Performances. Jede Wahl verändert den kuratorischen Anspruch.
Programmstruktur: Balance zwischen Zeit und Dichte
Die Frage "Wie lange sollte eine Performance dauern?" höre ich oft. Meine Faustregel: Variation. Kombiniere kürzere Interventionen (10–20 Minuten) mit längeren Installationen oder Konzerten. So kann das Publikum einsteigen, durchatmen und erneut fokussieren.
Ein Beispiel für einen Tagesrhythmus:
| Uhrzeit | Format | Ziel |
|---|---|---|
| 12:00–14:00 | Offene Klanginstallation | Zugang schaffen, Besucher*innen anziehen |
| 15:00–16:00 | Kurze Performances (3–4 Acts) | Hohe Präsenz, direkte Begegnung |
| 18:00–20:00 | Abendkonzert / Live-Fusion | Intensive, gemeinschaftliche Erfahrung |
Technik: Minimal sinnvoll, aber niemals nachlässig
Oft werde ich gefragt: "Brauche ich teure Technik?" Nicht unbedingt. Wichtig ist Zuverlässigkeit und Qualität der Technik, nicht deren Preis. Ein gutes Audiomischpult, stabile Lautsprecher (z. B. aktiv von Marken wie Yamaha oder QSC), präzise Mikrofone (Shure SM58/SM7B für Stimmen, Kondensatormikrofone für Raumaufnahmen) und ein erfahrener Tontechniker sind hilfreicher als High-End-Spielereien, die niemand bedienen kann.
Für bildende Kunst: lichttechnische Grundausstattung und projektionstechnische Lösungen (Projektoren mit ausreichender Lumen-Zahl) sind zentral. Testläufe mit allen Beteiligten sind Pflicht.
Partizipation und Vermittlung
Interdisziplinäre Ausstellungen profitieren enorm von Vermittlungsformaten. Ich integriere:
- Artist Talks und Werkgespräche
- Workshops, in denen Klang mit Materialexperimenten kombiniert wird
- Kuratorische Führungen, die auf die Verbindungen zwischen den Arbeiten hinweisen
Vermittlung ist kein Add-on, sondern Teil der Kurationsstrategie: Sie hilft dem Publikum, verschiedene Codes zu entschlüsseln und die Angst vor "nicht-verstehbarer" Kunst abzubauen.
Finanzierung und Budgetplanung
Multidisziplinäre Projekte sind oft kostenintensiver. Ich plane deshalb detailliert:
- Gagen für Künstler*innen und Techniker*innen
- Transport und Hängung/Installation
- Technikmiete und Versicherung
- Marketing und Vermittlungsangebote
Förderprogramme wie die Kulturstiftung des Bundes, lokale Kulturämter oder internationale Residenzprogramme können relevante Mittel liefern. Ich erstelle immer mehrere Budget-Szenarien (Minimum, Realistisch, Ambitioniert) und prüfe Förderbedingungen frühzeitig.
Marketing: Geschichten erzählen, nicht nur Termine verbreiten
Die Herausforderung ist, Publikum für ein Format zu gewinnen, das schwer in klassische Kategorien passt. Ich setze auf narrative Kommunikation:
- Porträts der beteiligten Künstler*innen
- Kurze Hörproben oder Video-Teaser (Instagram Reels, YouTube Clips)
- Ein Blick hinter die Kulissen: Proben, Aufbau, Soundchecks
Kooperationen mit lokalen Radiosendern, Podcasts und Kulturplattformen (z. B. SoundCloud für Hörbeispiele oder Bandcamp für musikbezogene Releases) erhöhen die Reichweite. Ebenso hilfreich: Mailinglisten und ein klares, visualisiertes Programm als PDF.
Logistik: Zeitfenster, Verträge, Rechte
Praktische Fragen, die oft unterschätzt werden: Wer bringt welches Equipment? Wer haftet im Schadenfall? Wie sind Aufführungsrechte für Musik geklärt? Ich arbeite mit schriftlichen Verträgen, die folgende Punkte regeln:
- Gagen und Zahlungsmodalitäten
- Technische Anforderungen und Verantwortlichkeiten
- Urheber- und Nutzungsrechte (insbesondere bei Klangaufnahmen)
- Haftung und Versicherung
Bei Musiknutzung prüfe ich frühzeitig GEMA-Fragen oder internationale Verwertungsgesellschaften, wenn Tracks nicht selbst eingespielt werden.
Evaluation: Zuhören nach der Eröffnung
Nach der Eröffnung sammele ich Feedback — nicht nur Besucher*innenzahlen, sondern qualitative Eindrücke. Kurze Umfragen, Gesprächsrunden mit Künstler*innen und das Monitoring von Social-Media-Reaktionen helfen, zu verstehen, welche Teile des Konzepts funktioniert haben und was beim nächsten Mal anders laufen sollte. Interdisziplinäre Projekte leben von Iteration.
Wenn du magst, kann ich dir gern bei einem konkreten Projekt-Setup helfen: von Raumlayout über Künstler*innen-Scouting bis hin zur technischen Rider-Liste. Solche Ausstellungen sind herausfordernd, aber auch unglaublich bereichernd — weil sie Publikum und Künstler*innen in neue Denk- und Hörweisen führen.