Verhandeln über faire Gagen und Royalties mit internationalen Musiker*innen ist eine Kunst für sich — und gleichzeitig ein notwendiger Bestandteil, wenn wir kulturelle Kooperationen nachhaltig und respektvoll gestalten wollen. In meiner Arbeit stoße ich immer wieder auf Unsicherheiten: Wer zahlt was? Wie weist man faire Bezahlung nach, wenn Währungen, Steuergesetze und Verwertungsgesellschaften unterschiedlich sind? Hier teile ich praktische Erfahrungen, konkrete Tipps und Fallbeispiele, die euch helfen, transparentere und gerechtere Vereinbarungen zu treffen.
Warum faire Gagen und klare Royals wichtig sind
Für mich ist faire Bezahlung kein bloßes Moralpostulat, sondern Grundlage für langfristige Zusammenarbeit. Wenn Künstler*innen nicht angemessen entlohnt werden, verhindert das Teilhabe, künstlerische Weiterentwicklung und den kulturellen Austausch selbst. Faire Gagen zeigen Wertschätzung für Zeit, Expertise und kreative Arbeit — und schützen vor Ausbeutung, insbesondere bei internationalen Projekten, in denen Machtgefälle ausgeprägt sein können.
Vorbereitung: Recherche, Budget und Referenzen
Bevor ich in Verhandlungen gehe, sammle ich Fakten. Das bedeutet:
- Marktrecherche: Welche Gagen sind in der jeweiligen Region üblich? Für kleine Club-Gigs in Westafrika gelten andere Richtwerte als bei städtischen Festivals in Europa.
- Budgetklarheit: Wie viel steht tatsächlich zur Verfügung? Oft hilft es, mehrere Budget-Szenarien vorzubereiten (minimal, realistisch, ideal).
- Referenzen und Benchmarking: Ich frage lokale Produzent*innen, Manager*innen oder Kolleg*innen nach Erfahrungswerten — oder schaue auf Plattformen wie Resonate oder Branchenreports von NGOs und Kulturinstitutionen.
Grundprinzipien für Verhandlungen
Folgende Prinzipien haben sich für mich bewährt:
- Transparenz: Offenlegung des Budgets schafft Vertrauen und verhindert unrealistische Erwartungen.
- Respekt für lokale Standards: Regionale Unterschiede akzeptieren, aber nicht automatisch geringere Standards annehmen.
- Klare Rollenverteilung: Wer zahlt Reise, Unterkunft, Visum, Technik? Dies muss schriftlich festgehalten werden.
- Fairness statt Einmalzahlung: Bei hybriden Projekten (Auftritt + Recordings + Promotion) sollten Einnahmenquellen aufgeteilt werden.
Gagenmodelle und Beispiele
Es gibt verschiedene Modelle, die ich je nach Kontext anwende:
- Flat Fee: Ein einmaliger Festbetrag für Auftritt oder Workshop.
- Gage + Spesen: Basisgage plus tatsächliche Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung.
- Revenue Share: Anteil an Ticketverkäufen oder Streaming-Einnahmen (komplizierter, aber fair bei Ko-Kuration).
- Inklusivmodelle: Pauschale, die alle Leistungen abdeckt (für kleinere Touren praktisch).
Hier ein vereinfachtes Beispiel für Gagenorientierung (nur als Referenz, starke regionale Schwankungen möglich):
| Format | Region (Beispiel) | Gagen-Spanne (EUR) |
|---|---|---|
| Club-Auftritt (Solo) | Europa (kleine Stadt) | 150–600 |
| Festival (Headliner) | Europa | 2000–15000+ |
| Workshop / Seminar | Global | 200–1200 |
| Session/Recording (Tagesrate) | Globale Studios | 100–800 |
Royalties und Rechte: Was ist zu beachten?
Royalties sind komplexer als Gagen, weil sie fortlaufend und abhängig von Verwertung sind. Wichtige Aspekte:
- Verwertungsgesellschaften: Prüft, ob die beteiligten Musiker*innen Mitglied bei einer nationalen Verwertungsgesellschaft (z. B. GEMA, SACEM, JASRAC) sind. Unterschiedliche Gesellschaften behandeln Nachweise und Ausschüttungen verschieden.
- Mechanische Rechte: Wer behält die Rechte an Aufnahmen? Falls das Label oder die organisierende Institution Exklusivrechte beansprucht, muss das vergütet werden.
- Publishing: Bei Kompositionen sollen Autorenanteile klar geregelt sein — z. B. 50/50 für Co-Komponist*innen, oder individuell vereinbart.
- Sampling & Remixes: Wenn ihr Material weiterverwendet, braucht es schriftliche Freigaben und ggf. zusätzliche Vergütung.
Konkreter Vertragsaufbau — die wichtigsten Klauseln
Auch wenn viele Projekte informell starten, empfehle ich immer schriftliche Vereinbarungen. Wichtige Klauseln:
- Leistungsbeschreibung (Datum, Dauer, Ort, technische Anforderungen)
- Gage, Zahlungsmodalitäten (Anzahlung, Restzahlung, Währung)
- Reisekosten, Unterkunft, Verpflegung (wer trägt was)
- Rechte an Aufnahmen und deren Nutzung (Dauer, Gebiet, Vergütung)
- Stornobedingungen und höhere Gewalt
- Haftung und Versicherung
- Kontaktinformationen und Unterschriften
Währung, Steuern und rechtliche Fallstricke
Bei internationalen Kooperationen kommen praktische Probleme hinzu:
- Wechselkurse: Vereinbart eine Währung und regelt, wer Wechselgebühren trägt. Banküberweisungen können hohe Gebühren haben; Dienste wie Wise oder Revolut sind oft günstiger.
- Steuern: Manche Länder verlangen Quellensteuer auf Gagen. Klärt im Vorfeld, ob eine Freistellung möglich ist oder ob höhere Bruttosummen nötig sind.
- Visen & Arbeitserlaubnis: Ein Auftritt kann eine Arbeitserlaubnis erfordern. Plant genügend Zeit und Budget für Visa-Angelegenheiten.
Kommunikationstechniken, die helfen
Verhandeln ist auch Kommunikation. Diese Techniken haben sich bei mir bewährt:
- Aktives Zuhören: Versteht die Bedürfnisse der Künstler*innen — vielleicht brauchen sie eher Unterkunft als eine etwas höhere Gage.
- Optionen anbieten: Mehrere Pakete (Basic, Standard, Premium) erleichtern Entscheidungsprozesse.
- Schriftliche Nachverfolgung: Schickt nach Gesprächen ein kurzes Protokoll mit den wichtigsten Punkten, um Missverständnisse zu vermeiden.
- Empathie statt Härte: Gerade bei marginalisierten Künstler*innen ist Feingefühl wichtig — aber das darf nicht zu unbezahlter Arbeit führen.
Praktische Tools und Ressourcen
Ich nutze regelmäßig Tools, die das Management vereinfachen:
- Finanztools: Wave, QuickBooks oder einfache Excel-Templates für Budgetplanung.
- Transferdienste: Wise, PayPal (mit Vorsicht wegen Gebühren) oder lokale Überweisungsdienste.
- Standardverträge: Vorlagen von Kulturinstitutionen, Musikerverbänden oder NGOs als Ausgangspunkt anpassen.
- Netzwerke: Lokale Produzent*innen, Booking-Agenturen und Verwertungsgesellschaften sind wertvolle Ansprechpartner.
Fallbeispiel: Zusammenarbeit mit einer Band aus Westafrika
Bei einem Festivalprojekt habe ich mit einer Band aus Westafrika gearbeitet. Wichtige Lernerfahrungen:
- Wir vereinbarten eine Basisgage in EUR plus Übernahme aller lokalen Kosten (Transport, Unterkunft). Die Band erhielt zusätzlich einen Prozentsatz der Merchandise-Einnahmen.
- Es gab klare Regeln zu Aufnahmen: Das Festival durfte Mitschnitte ausschließlich für Promotion verwenden, nicht kommerziell ohne separate Vereinbarung.
- Wir nutzten Wise für die Auszahlung, um Gebühren zu minimieren, und schickten eine detaillierte Rechnung, die für Visumzwecke und Steuerfragen notwendig war.
Das Ergebnis war eine transparente Abwicklung, die allen Seiten Sicherheit gab und Raum für eine Folgekooperation eröffnete.