Festivals sind für mich immer Räume voller Stimmen: spontane Anekdoten am Feuer, alte Lieder, die zwischen Bühnen und Zelten wandern, und intime Erzählungen, die im Schatten eines Marktes geteilt werden. Wenn ich solche oralen Geschichten dokumentiere, frage ich mich stets: Wie halte ich die Erzählung fest, ohne ihr die Verbindung zur Gemeinschaft zu rauben? Wie bewahre ich Integrität, Respekt und die Rechte der Erzähler*innen? In diesem Beitrag teile ich meine praktischen Erfahrungen, ethischen Überlegungen und technischen Tipps, damit dokumentierte Geschichten gemeinschaftsgerecht bleiben.

Vorbereitung: Beziehungen vor Technik

Bevor ich ein Aufnahmegerät einschalte, investiere ich Zeit ins Zuhören und ins Beziehungsaufbau. Auf Festivals heißt das oft: ein Gespräch bei einem Tee, eine Einladung zu einer Probe oder das Beobachten von Ritualen, bevor ich frage. Ich erkläre transparent, wer ich bin, wofür ich aufnehme und wie die Aufnahmen genutzt werden könnten. Dieses Gespräch ist kein Verwaltungsakt – es ist Teil des Respekts.

Einige Punkte, die ich immer vorher kläre:

  • Kontext: Wofür werden die Aufnahmen verwendet (Blogpost, Archiv, Ausstellung)?
  • Zustimmung: Einfache, mündliche Zustimmung kann auf Festivals oft passen, aber ich biete auch schriftliche Einverständniserklärungen an.
  • Rückzugsrechte: Die Möglichkeit, Aufnahmen später zurückzuziehen oder bestimmte Teile zu redigieren.
  • Rückgabe: Ob und wie ich die Dateien den Erzähler*innen zur Verfügung stelle.

Einwilligung und Rechte: Einfach, sichtbar, wiederholbar

Ich nutze ein mehrstufiges Modell der Einwilligung: vor der Aufnahme erkläre ich die Nutzung, während der Aufnahme erinnere ich an die Möglichkeit, Fragen zu stellen, und nach der Aufnahme sende ich auf Wunsch eine Datei oder eine kurze Vereinbarung zu. Auf Festivals arbeite ich oft mit einfachen Formularen (auf Papier oder per Mobilgerät), die in der Landessprache und in einer Sprache erklärt sind, die die Person versteht.

Wichtig ist, Optionen zu geben: Anonymisierung, zeitlich begrenzte Veröffentlichungen oder Nutzung nur innerhalb eines geschlossenen Archivs. Oft ist es für Communities entscheidend, Kontrolle über die Sichtbarkeit zu behalten – das respektiere ich und dokumentiere diese Wünsche genau in meinen Metadaten.

Partizipative Methoden: Gemeinschaftliches Erzählen und Mitgestaltung

Ich bevorzuge partizipative Formate: Story Circles, in denen jede*r die Möglichkeit hat, zu sprechen oder nicht, und in denen die Gruppe entscheidet, welche Geschichten geteilt werden. Manchmal mache ich kleine Workshops zur Audionutzung, damit Menschen selbst aufnehmen, schneiden und entscheiden können, was veröffentlicht wird. Das stärkt Autonomie und verhindert, dass Geschichten aus ihrem sozialen Kontext gerissen werden.

  • Ermutige Erzähler*innen, die Veröffentlichung mitzubestimmen.
  • Organisiere Hör-Sessions, in denen die Community das Material vor der Veröffentlichung anhört.
  • Ermögliche Co-Autorenschaft — Namen und Credits festschreiben.

Technik: Welche Geräte und Formate ich empfehle

Gute Technik hilft, die Stimme authentisch zu bewahren, ohne invasive Mikrofon-Aufbauten. Für Festivals nutze ich eine Kombination aus tragbaren Aufnahmegeräten und Mobiltelefonen.

Gerät/Format Vorteile Wann einsetzen
Zoom H4n oder H6 (WAV) Hohe Qualität, externe Mikros, robust Interview-Sessions, laute Umgebungen
Smartphone + Lavalier-Mikro Diskret, einfach zu teilen Spontane Aufnahmen, mobile Interviews
Handheld-Recorder (MP3/WAV) Leicht, günstiger Field recordings, Atmosphären

Ich nehme immer in einem verlustfreien Format (WAV, 44.1 kHz/16 bit oder höher) auf, wenn es die Kapazität erlaubt. Für Veröffentlichungen konvertiere ich dann nach MP3 (320 kbps) oder OGG, um die Zugänglichkeit sicherzustellen. Unbedingt empfehle ich regelmäßige Backups: SD-Karten wechseln, Dateien sofort auf ein Laptop oder eine portable Festplatte kopieren und, wenn möglich, in eine verschlüsselte Cloud sichern.

Metadaten und Dokumentation: Kontext erhalten

Rohaufnahmen sind bedeutungslos ohne Kontext. Ich dokumentiere:

  • Datum, Ort, Festivalname
  • Name der Erzähler*in, Alter, Sprache
  • Einverständnis-Status und Publikationswünsche
  • Kurze Beschreibung des Kontextes (z. B. "Erzählung am Abendfeuer nach Konzert")

Diese Informationen speichere ich als Textdateien neben den Audiodateien oder als ID3/TAG-Metadaten direkt in den Dateien. So bleibt ersichtlich, wer die Rechte hat und welche Erwartungen an die Nutzung bestehen.

Sprachliche und kulturelle Sensibilität

Sprache ist nie neutral. Wenn ich Geschichten in anderen Sprachen dokumentiere, arbeite ich mit Übersetzer*innen aus der Community zusammen, niemals mit anonymen Online-Tools allein. Literalübersetzungen können Bedeutungen verzerren; deshalb bevorzuge ich kollaborative Übersetzungen, bei denen die Erzähler*innen selbst oder vertrauenswürdige Vermittler*innen mitentscheiden.

Auch die Frage von „tasteful editing“ ist wichtig: Ich vermeide Übermontage, die die Erzählstimme verändert. Wenn Schnitte nötig sind (z. B. um Identitäten zu schützen), markiere ich diese Stellen und dokumentiere die Gründe.

Vergütung und Anerkennung

Erzählende sind keine bloßen Datenquellen. Auf Festivals biete ich immer eine Form der Anerkennung: eine finanzielle Aufwandsentschädigung, eine Kopie der Aufnahme, Tickets oder eine kleine Honorierung in Form von Materialien. Außerdem stelle ich sicher, dass ihr Name in Veröffentlichungen richtig genannt wird, wenn sie das wünschen. Transparente Umgangsregeln fördern Vertrauen.

Datenschutz, Speicherung und Langzeitarchiv

Ich kläre vorab, wie lange das Material aufbewahrt wird und wer Zugriff hat. Manche Communities möchten, dass Material nur lokal oder in einem geschützten Community-Archiv liegt. Andere sind offen für öffentliche Publikation. Für sensible Inhalte nutze ich verschlüsselte Speicherlösungen und lege Zugriffsprotokolle an, wer wann welche Datei erhalten hat.

Publikation und Lizenzierung

Wenn Veröffentlichungen geplant sind, bespreche ich Lizenzoptionen. Creative Commons-Lizenzen können sinnvoll sein, aber nur, wenn die Erzähler*innen die Konsequenzen verstehen. Manchmal vereinbaren wir eingeschränkte Lizenzen oder eine spezielle Nutzungsvereinbarung, die kommerzielle Nutzung ausschließt.

Nachhaltigkeit: Follow-up und Rückgabe

Meine Arbeit endet nicht mit der Veröffentlichung. Ich melde mich zurück, teile Resultate, lade zur Präsentation ein und, wenn möglich, unterstütze die Community bei der eigenen Nutzung des Materials (z. B. bei lokalem Radio oder Workshops). Die Rückgabe von Macht über die Geschichten ist das, was Aufnahmen wirklich gemeinschaftsgerecht macht.

Festivals bieten einzigartige Chancen für orale Dokumentation — wenn wir sie mit Respekt, Transparenz und partizipativer Praxis angehen. Technik, Formulare und Tabellen sind hilfreich, aber das Entscheidende ist die Haltung: zuhören, fragen, teilen — und immer wieder die Gemeinschaft entscheiden lassen.