Wenn ich eine Playlist oder ein Streaming-Album zusammenstelle, das traditionelle Klänge integriert, denke ich zuerst an die Menschen hinter den Sounds. Für mich geht es nicht nur um eine schöne Abfolge von Tracks, sondern um Respekt, Kontext und Transparenz. In diesem Text teile ich meine Vorgehensweise, praktische Tipps und Fallstricke — aus Projekten mit Musiker*innen aus Westafrika, dem Balkan und Südostasien, aber auch aus persönlichen Recherchen bei Festivals und Feldaufnahmen.

Warum Kontext so wichtig ist

Traditionelle Musik ist selten nur Unterhaltung: Sie trägt Rituale, Sprachen, Historien und oft auch kollektiv verwaltetes Wissen. Wenn ich solche Klänge in ein Streaming-Album integriere, sorge ich dafür, dass Hörer*innen verstehen, woher die Musik stammt, wer sie spielt und welche Bedeutung sie hat. Ohne Kontext besteht die Gefahr der Entwurzelung oder kulturellen Aneignung.

Bevor ich die Tracks auswähle

Bevor ich überhaupt eine Playlist anlege, mache ich mir drei Fragen klar:

  • Wer sind die Künstler*innen und Communities, die hinter den Stücken stehen?
  • Gibt es traditionelle, kulturelle oder spirituelle Protokolle für die Verbreitung dieser Stücke?
  • Wurde Aufnahme und Veröffentlichung mit Wissen und Zustimmung der Beteiligten abgesegnet?
  • Ich dokumentiere die Antworten. Manchmal bedeutet das, dass ich noch ein Gespräch führen muss oder zusätzliche Genehmigungen einhole. Bei Feldaufnahmen achte ich besonders auf die Einwilligung, und ich frage konkret nach, ob das Material online gestellt werden darf und in welchem Umfang.

    Technische Vorbereitung: Qualität, Metadaten und Mastering

    Für Stream-Formate ist gute Technik unverzichtbar. Ich arbeite mit WAV-Dateien in hoher Auflösung, bevor ich für Plattformen wie Spotify oder Apple Music auf die empfohlenen Formate exportiere. Dabei denke ich an:

  • Samplingsraten und Bit-Tiefe: Ich bewahre das Originalarchiv unkomprimiert (z. B. 44.1 kHz / 24 bit) und erstelle dann optimierte Versionen für Streaming.
  • Lautheitsanpassung: Plattformen normalisieren Lautstärke (Loudness Normalization). Um unerwartete Übersättigungen oder das „Verlieren“ feiner Dynamik traditioneller Instrumente zu vermeiden, mastere ich mit Blick auf LUFS (z. B. -14 LUFS für Spotify), aber sehr behutsam, um die natürliche Dynamik zu erhalten.
  • Rausch- und Störgeräusche: Bei Feldaufnahmen halte ich nur behutsame Rauschunterdrückung vor; oft gehören Umgebungsgeräusche zur Authentizität.
  • Tools, die ich benutze: Reaper oder Ableton für Schnitt, iZotope RX zur sanften Rauschreduktion und Izotope Ozone für feinfühliges Mastering — immer mit dem Ziel, die klangliche Integrität zu bewahren.

    Metadaten und Attribution — Unsichtbares, aber zentrales Element

    Metadaten sind für traditionelle Musik ein politisches wie praktisches Instrument: Sie sichern Anerkennung und ermöglichen faire Lizenzierung. Ich fülle ID3- oder Broadcast-Metadaten gewissenhaft aus:

  • Künstler*innenname, Herkunft/Region, Sprache des Stücks
  • Komponist*innen, Arrangeur*innen, Feldforscher*innen
  • Aufnahmedatum, Ort und Aufnahmegerät (bei Feldaufnahmen)
  • Copyright-/Lizenzhinweise und Kontaktinformationen
  • Wenn möglich, verlinke ich in den Playlist-Beschreibungen zu Biografien, Youtube-Interviews oder Bandcamp-Seiten — nicht nur für Kontext, sondern auch damit Hörer*innen Künstler*innen direkt unterstützen können.

    Rechte, Lizenzen und faire Vergütung

    Das Thema Rechte ist komplex. Traditionelle Musik kann Gemeingut sein, kollektiv verwaltet oder durch individuelle Rechteinhaber*innen geschützt. Ich kläre immer:

  • Gibt es eine klare Rechtevertretung (z. B. Musiker*innen, Dorfälteste, Plattenlabel, Erbgemeinschaft)?
  • Ist eine Lizenz nötig — und wenn ja, wurde sie eingeholt?
  • Welche Form der Vergütung ist fair (Pauschale, Umsatzbeteiligung, Projektförderung)?
  • Ich empfehle digitale Vertriebspartner wie Bandcamp für faire Direktzahlungen an Künstler*innen und bei größeren Digital-Releases DistroKid oder CD Baby nur nach klarer Absprache. Streaming-Erlöse sind oft niedrig — deshalb verhandle ich, wo möglich, zusätzliche Honorare oder begleite Releases mit physischen Verkäufen, Live-Events oder Stipendien.

    Sequenzierung: Wie mische ich traditionelle Klänge mit moderneren Tracks?

    Die Reihenfolge von Tracks kann ein Narrativ formen. Ich bin dabei guided by mood, tempo und thematischer Kohärenz:

  • Setze ein Stück mit starkem Kontext einführend (z. B. ein kurzes Spoken-Word-Intro, ein O-Ton), bevor die Musik beginnt.
  • Vermeide abrupte Stilwechsel: Übergänge können mit Ambient-Interludes, Field Recordings oder kurzen Kommentaren gemildert werden.
  • Achte auf Dynamik: Platziere ruhigere, nachdenkliche Aufnahmen zwischen energetischen Stücken, um Raum zum Zuhören zu schaffen.
  • Manchmal erstelle ich zwei Versionen: eine „kuratierte“ Reihenfolge für Album-Flow und eine „kontextuelle“ Reihenfolge, bei der Tracks nach Herkunft oder Thema gruppiert sind — beides kann in Spotify- oder YouTube-Playlists angeboten werden.

    Visuelle Elemente und Begleittexte

    Albumcover, Fotos und Liner Notes sind nicht Dekoration, sondern Teil der Verantwortung. Ich arbeite mit Fotograf*innen aus der jeweiligen Community oder mit Bildrechten, die respektvoll und fair gelöst sind. In die Beschreibung schreibe ich:

  • Hintergrund zum Stück (Sprache, Bedeutung, Ritualgebrauch)
  • Credits und Dank an Mitwirkende
  • Links zu weiterführenden Ressourcen und Kontaktmöglichkeiten
  • Tools wie Canva nutze ich dezent für Social-Teaser, aber Fotos und Illustrationen stamme meist direkt von Künstler*innen oder Kooperationspartner*innen.

    Interaktion und Begleitformate

    Ein Release funktioniert besser, wenn es nicht isoliert bleibt. Ich organisiere oft:

  • Begleit-Interviews (Podcast oder Blogposts) mit Musiker*innen
  • Live-Streams oder Listening Sessions auf YouTube/Instagram
  • Workshops oder Q&A-Runden, um Verständnis zu vertiefen
  • Diese Formate ermöglichen, dass nicht nur die Musik, sondern auch die Stimmen der Urheber*innen hörbar bleiben. Bei meinen Projekten habe ich gute Erfahrungen mit Bandcamp-Sales + Live-Streams gemacht, weil die Direktbezahlung stärker wirkt als reine Streaming-Payments.

    Praktische Checkliste vor der Veröffentlichung

    CheckStatus
    Einverständnis aller Beteiligten✓ / —
    Metadaten vollständig✓ / —
    Lizenzen und Vergütungsmodell geklärt✓ / —
    Mastering und Lautstärke geprüft✓ / —
    Cover und Begleittexte bereit✓ / —

    Diese Tabelle nutze ich immer wieder als letzten Filter, bevor ein Release live geht.

    Fehler, die ich gelernt habe zu vermeiden

    Ich habe gelernt, dass gute Absichten allein nicht genügen. Einige Fehler aus der Praxis:

  • Unzureichende Attribution — führte zu Missverständnissen und Vertrauensverlust.
  • Technische Überbearbeitung — entfernte den „Charme“ vieler Aufnahmen.
  • Mangelnde finanzielle Transparenz — erzeugte Frustration bei Künstler*innen.
  • Stattdessen investiere ich Zeit in transparente Kommunikation: Was fließt, wer bekommt wie viel, und wie wird das Publikum informiert.

    Wenn du selbst eine Playlist mit traditionellen Klängen kuratieren willst, fang mit Respekt an: Rede mit den Menschen, dokumentiere sorgfältig und überlege, wie du echte Unterstützung ermöglichen kannst — nicht nur Sichtbarkeit, sondern faire Anerkennung und Bezahlung. Die Musik wird dafür reicher und die Beziehungen beständiger.