Wenn ich an Touring denke, stelle ich mir längst nicht mehr nur die nächste Stadt oder das nächste Festival vor – ich denke an die Route als Ganzes: ihre ökologischen Folgen, ihre finanziellen Realitäten und die kulturellen Begegnungen, die wir unterwegs ermöglichen können. Für unabhängige Weltmusik-Bands ist eine nachhaltige Touring-Route nicht nur eine moralische Entscheidung, sie ist eine Frage der Überlebensfähigkeit. Hier teile ich meine Erfahrungen, praktischen Tipps und die Fragen, die ich mir immer wieder stelle, wenn ich eine Tour plane.
Die Route als Story und Logistik zugleich
Für mich beginnt jede Tour mit einer einfachen Frage: Was ist das Ziel? Geht es um Reichweite, das Kennenlernen neuer Communities, Kooperationen mit lokalen Musiker*innen oder um Einnahmen? Die Antwort bestimmt alles: Route, Länge, Pausen und Netzwerkpartner. Eine nachhaltige Route optimiert nicht nur Kilometer, sondern maximiert kulturellen Mehrwert.
Ich plane lieber von Hub zu Hub als von Stadt zu Stadt. Ein regionaler Hub — eine Stadt mit guten Verkehrsverbindungen — erlaubt, mehrere Auftritte mit kurzen Pendelstrecken zu kombinieren. Statt drei weit entfernte kleine Gigs wähle ich lieber fünf in einem Radius von 100–200 km. Das verringert Fahrtzeit, Kosten und Stress für die Band.
Transport: Wie wir uns bewegen
Der Transport ist der größte ökologische Hebel. Ich schaue genau auf Alternativen:
- Zug – ideal in Europa: komfortabel, emissionsarm und oft günstiger bei frühzeitiger Buchung. Nachtzüge sparen eine Übernachtung.
- Van/Bus – für Equipment und Flexibilität fast unverzichtbar. Ich bevorzuge gut gewartete Fahrzeuge und fahre sparsam. Eine Van-Conversion mit Solarpanelen kann auf längeren Touren viel reduzieren.
- Mitfahrnetzwerke – Co-Booking mit anderen Bands reduziert Leerfahrten; manchmal lohnt sich ein gemeinsamer Mietbus.
- Flug – nur wenn unvermeidbar. Bei Flügen führe ich konsequent CO2-Ausgleichsmaßnahmen durch und versuche, längere Zeiträume an einem Ort zu spielen, um seltenere Flüge zu rechtfertigen.
Ich vergleiche immer Kosten, Zeitaufwand und CO2. Hier eine einfache Gegenüberstellung, die ich beim Planen nutze:
| Transport | Pro | Contra |
|---|---|---|
| Zug | Geringe Emissionen, komfortabel | Begrenzter Stauraum, Fahrpläne |
| Van/Bus | Flexibel, viel Equipment möglich | Emissionen, Wartungskosten |
| Flug | Schnell, nötig bei großen Distanzen | Hohe Emissionen, teurer |
Kooperationen und lokale Vernetzung
Eine nachhaltige Route lebt von Partner*innen vor Ort. Ich investiere Zeit in den Aufbau von Beziehungen zu Kulturhäusern, NGOs, Community-Radios und lokalen Musiker*innen. Das zahlt sich aus:
- Co-Bookings teilen Kosten und Publikum.
- Residencies ermöglichen tiefere Begegnungen und reduzieren kurzfristigen Reiseaufwand.
- Lokale Techniker*innen kennen Spielstätten und sparen Zeit beim Auf- und Abbau.
Meine Erfahrung: Ein persönlicher Kontakt per Telefon oder Videocall ist oft wertvoller als 20 Mails. Ich frage nach: Wer ist das Publikum? Gibt es lokale Partner für Workshops? Können wir Instrumente vor Ort leihen?
Finanzen: realistisch planen
Budgetplanung ist für unabhängige Bands überlebenswichtig. Ich rechne konservativ mit Ausfällen und plane mehrere Einnahmequellen ein:
- Gagen (realistisch und verhandelbar).
- Merch-Verkäufe — oft die wichtigste Einnahmequelle auf der Straße.
- Workshops, Masterclasses, gemeinschaftliche Projekte mit Schulen oder Kulturzentren.
- Förderungen, Stipendien oder Kulturfonds (z. B. Goethe-Institut-Programme, lokale Kulturförderungen).
Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, ein Tour-Fund zu eröffnen — ein separates Konto, auf das Bandmitglieder und Unterstützer*innen vor der Tour einzahlen. Das schafft Puffer.
Zeitmanagement & Erholung
Burnout ist real. Ich plane unbedingt Ruhetage ein — nicht nur für Schlaf, sondern für Kreativität: Proben, lokale Musik besuchen, Kontakte pflegen. Eine nachhaltige Route berücksichtigt humane Logistik: realistische Fahrzeiten, Ladezeiten und Soundchecks.
Technik & Equipment: leichter denken
Weniger ist oft mehr. Ich bevorzuge robustes, leichtes Equipment und investiere in multifunktionale Geräte. Beispiele:
- PA-Systeme wie die von QSC oder RCF sind kompakt und zuverlässig.
- In-Ear-Systeme reduzieren Monitoraufwand und Soundcheck-Zeit.
- Vertrauen in lokale Backline statt alles mitzuschleppen — das spart Sprit und Nerven.
Immer dabei: ein gutes Inventar- und Checklisten-System. Ein Foto-Archiv von Stage-Setups hilft bei schneller Wiederherstellung und reduziert Fehlende-Instrument-Panik.
Nachhaltigkeit konkret: Maßnahmen, die ich nutze
- Ökologische Reisepraxis: Priorität auf Bahn, Fahrgemeinschaften, emissionsarme Fahrzeuge.
- Green Rider: Wir haben einen nachhaltigen Rider, der lokale, saisonale Verpflegung und Müllvermeidung fordert.
- CO2-Bilanz: Ich dokumentiere Fahrstrecken und kompensiere unvermeidbare Emissionen über seriöse Projekte (z. B. atmosfair, myclimate).
- Ökonomische Fairness: Faire Gagen, transparente Aufteilung von Einnahmen und Reisekosten.
- Lokales Einkaufen: Unterkunft bei kleinen Hostels, Airbnbs, kulturellen Partnern statt großen Hotelketten.
Publikum und Kommunikation
Eine gut geplante Route sollte auch Zielgruppen strategisch ansprechen. Ich arbeite mit lokalisierten Promotexten, Social-Media-Posts in relevanten Sprachen und Community-Partnern, die das Event weitertragen. Für viele Weltmusik-Projekte zahlt sich aus, lokale Sender, Kulturblogs und Gemeindeblätter frühzeitig einzubeziehen.
Transparenz ist ein Plus: Ich kommuniziere offen, warum wir nachhaltige Entscheidungen treffen — das schafft Verständnis, manchmal sogar höhere Ticketbereitschaft.
Rechtliches, Visa & Versicherungen
Bei internationalen Touren darf das nicht fehlen: Visa, Carnet für Instrumente, Kranken- und Reiseversicherung, ggf. Künstlersozialversicherung. Ich lege alle Dokumente digital und offline ab und habe Ansprechpartner*innen bei Botschaften oder Kulturinstituten, die im Notfall helfen.
Was ich aus Fehlern gelernt habe
Fehler passieren, und ich teile hier, was ich auf die harte Tour gelernt habe:
- Zu enge Zeitpläne führen zu abgesagten Konzerten oder schlechter Performance.
- Alles mitnehmen heißt oft: mehr Kosten, mehr Reparaturen. Minimalismus zahlt sich aus.
- Unterschätze nie lokale Feiertage oder politische Situationen, die Veranstaltungspläne durchkreuzen können.
- Ohne lokale Partner ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Konzerte schlecht besucht sind.
Wenn ich eine neue Route plane, schreibe ich mir immer dieselbe Checkliste: Ziele, Transportoptionen, lokale Partner, Budget-Puffer, nachhaltige Maßnahmen und Erholungszeit. Diese Routine hat mir schon unzählige Male geholfen, Touren nicht nur ökologisch, sondern auch künstlerisch erfolgreich zu gestalten.