Wenn ich gefragt werde, wie man den gesellschaftlichen Impact eines interkulturellen Kulturprojekts misst, antworte ich oft: «Es ist möglich — aber es braucht Zeit, Planung und eine respektvolle Herangehensweise.» Impact ist kein einzelner Messwert, sondern ein Netz aus Veränderungen: in Einstellungen, Beziehungen, Teilhabe und Infrastruktur. In diesem Text teile ich meine erprobten Methoden, praktische Indikatoren und Werkzeuge, die mir in Projekten mit Partner*innen aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika geholfen haben, sichtbare und weniger sichtbare Wirkungen zu erfassen.
Was meine ich mit gesellschaftlichem Impact?
Für mich umfasst gesellschaftlicher Impact sowohl direkte Effekte (z. B. Teilnahme, Sichtbarkeit von Künstler*innen) als auch tiefere, langfristige Veränderungen: veränderte Narrative, gestärkte Communities, neue Netzwerke und institutionelle Anpassungen. Bei interkulturellen Projekten ist zusätzlich wichtig, Machtverhältnisse, Repräsentation und gegenseitiges Lernen zu berücksichtigen.
Grundprinzipien vor der Messung
Bevor Zahlen gesammelt werden, empfehle ich, folgende Prinzipien festzulegen:
Partizipation: Betroffene Communities und Künstler*innen müssen in die Frage der Wirkungsdefinition einbezogen werden.Kontextualität: Impact darf nicht isoliert betrachtet werden — soziale, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zählen.Mixed Methods: Kombination von qualitativen und quantitativen Verfahren liefert ein reichhaltigeres Bild.Ethik: Datenschutz, Einverständnis und faire Repräsentation haben Priorität.Konkrete Indikatoren — was messbar ist
Ich unterscheide gern zwischen Output-, Outcome- und Impact-Indikatoren:
Output (was produziert wurde): Anzahl Workshops, Konzerte, Teilnehmer*innen, Medienberichte, Social-Media-Impressions.Outcome (kurzfristige Wirkungen): Lernfortschritte, neue Kooperationen, veränderte Einstellungen, Sichtbarkeit bislang marginalisierter Stimmen.Impact (langfristige gesellschaftliche Veränderungen): erhöhte Teilhabe marginalisierter Gruppen, politische Anerkennung, dauerhafte institutionelle Kooperationen.Beispiele konkreter Indikatoren, die ich häufig verwende:
Anteil der Teilnehmer*innen aus unterrepräsentierten Gruppen;Anzahl nachhaltiger Partnerschaften (mind. 1 Jahr);Veränderung in der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden (z. B. Empowerment-Skala);Mediale Reichweite vs. Tonalität (positive, differenzierte Berichterstattung);Konkrete Folgeprojekte oder Förderungen, die aus dem Projekt hervorgehen.Methoden zur Datenerhebung
Meine Methodenkiste enthält bewährte Werkzeuge, die sich je nach Projekt kombinieren lassen:
Teilnehmenden-Befragungen: Vor-Hinterher-Fragebögen (Pre/Post) messen Lernzuwachs und Einstellungsänderungen. Achte auf kurze, übersetzte Versionen und niedrigschwellige Zugänge.Tiefeninterviews: Sie offenbaren Geschichten und Kontext, die Zahlen nicht zeigen — besonders wichtig bei interkulturellen Spannungen und Machtfragen.Fokusgruppen: Gut, um kollektive Wahrnehmungen und Gruppendynamiken sichtbar zu machen.Beobachtungen: Strukturierte Feldnotizen zu Interaktionen während Workshops oder Konzerten.Social Listening & Medienanalyse: Reichweite, Tonalität und Diskursveränderungen in Presse und Social Media erfassen.Netzwerkanalyse: Wer vernetzt sich mit wem? Das hilft, neue Kooperationsräume sichtbar zu machen.Ein Praxisbeispiel aus meinen Projekten
In einem transkulturellen Musikprogramm, an dem ich beteiligt war, wollten wir wissen, ob das Projekt Vorurteile zwischen zwei Communities abbaut. Wir kombinierten:
Pre/Post-Fragebögen zur Einstellung gegenüber der anderen Community;qualitative Interviews mit Teilnahmebereiten und lokalen Musiker*innen;Beobachtungen bei Jam-Sessions (Interaktionshäufigkeit, Code-Switching, gegenseitiges Erklären von Musiktraditionen);Analyse lokaler Pressestimmen vor und nach dem Projekt.Ergebnis: Die Einstellungsskala zeigte moderate Verbesserungen, aber die Interviews offenbarten tiefergehende Veränderungen: Teilnehmer*innen berichteten von neuen Freundschaften, geteilten Bühnenauftritten nach Projektende und einem leichteren Zugang zu professionellen Angeboten. Diese qualitativen Effekte hätten wir mit reinen Zahlen nicht erfasst.
Tools, die ich empfehle
Je nach Budget und Ziel können verschiedene Tools helfen:
Quantitative Umfragen: Google Forms, LimeSurvey oder SurveyMonkey (achte bei sensiblen Daten auf DSGVO-konforme Einstellungen oder lokale Alternativen).Qualitative Analyse: MAXQDA oder ATLAS.ti für die Auswertung von Interviews, oder einfache Transkriptions- und Kodierungs-Workflows in Excel/Google Sheets;Netzwerkanalyse: Gephi oder graphcommons.com;Social Media Monitoring: kostenfreie Tools wie Talkwalker Alerts oder kostenpflichtige wie Brandwatch, je nach Bedarf;Visualisierung: Canva oder Tableau Public für verständliche Ergebnisdarstellungen.Wie man aus Ergebnissen Lernerfolge macht
Für mich endet gute Evaluation nicht mit einem Bericht, sondern mit konkreten Anpassungen:
Teile Erkenntnisse früh und verständlich mit allen Partner*innen und Communities;Plane Folge-Maßnahmen auf Basis der Ergebnisse (z. B. mehr niedrigschwellige Beteiligungsformate, gezielte Förderung marginalisierter Künstler*innen);Nutze Erkenntnisse für Advocacy: Fundierte Daten helfen oft bei Förderanträgen und bei der Ansprache von Politik und Kulturinstitutionen.Typische Schwierigkeiten und wie ich damit umgehe
Einige Herausforderungen tauchen immer wieder auf:
Messbare Erwartungen vs. tiefgreifende Wirkung: Fördergeber wünschen oft klare KPIs, während transformative Veränderungen Zeit brauchen. Ich empfehle, sowohl kurzfristige KPIs als auch langfristige Lernziele zu formulieren.Sprach- und Kulturbarrieren: Fragebögen müssen in die relevanten Sprachen übersetzt und kulturell angepasst werden. Pilot-Tests sind Pflicht.Power Dynamics: Externe Evaluator*innen können Misstrauen erzeugen. Ich bevorzuge partizipative Evaluationsprozesse, bei denen lokale Akteur*innen mitentscheiden.| Indikator | Messmethode | Interpretation |
| Teilnahmequote marginalisierter Gruppen | Registrierungsdaten, demografische Erhebung | Niveau der Inklusion; Identifikation von Zugangshürden |
| Veränderung in Einstellungen | Pre/Post Umfragen, Likert-Skalen | Kurzfristige Wirkung auf Vorurteile und Wahrnehmungen |
| Neue Kooperationen | Netzwerkanalyse, Follow-up Interviews | Nachhaltigkeit von Austausch und Kapazitätsaufbau |
| Mediale Repräsentation | Medienmonitoring | Öffentliche Sichtbarkeit und Narrativ-Veränderung |
Tipps zur Kommunikation der Ergebnisse
Gut aufbereitete Ergebnisse erhöhen die Wirkung:
Nutze Storytelling: Einzelne persönliche Geschichten machen Impact greifbar;Erstelle visuelle Zusammenfassungen für unterschiedliche Zielgruppen (Fördergeber*innen, Communities, Öffentlichkeit);Teile auch Misserfolge und Lernprozesse transparent — das stärkt Vertrauen und die Qualität zukünftiger Projekte.Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen bei der Erstellung eines einfachen Evaluationsplans helfen — von der Formulierung messbarer Ziele bis zur Auswahl passender Methoden und Tools. Auf Crosscultureprogramm (https://www.crosscultureprogramm.de) habe ich weitere Ressourcen und Beispiele gesammelt, die als Vorlage dienen können.