Warum mich Field Recordings faszinieren — und warum Rechtliches dazugehört
Seit Jahren sammle ich Klänge auf Reisen: Marktplätze in Dakar, U-Bahn-Stationen in Berlin, das Rascheln von Regenwaldbäumen in Costa Rica. Field Recordings sind für mich mehr als atmosphärische Texturen — sie tragen Geschichten, Stimmen und Räume. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass unser Enthusiasmus leicht in rechtliche Grauzonen führen kann. Deshalb teile ich hier meine praktische Herangehensweise, damit du Field Recordings legal in einem Album verwenden kannst: Rechte, Einverständnisse und korrekte Attribution.
Grundprinzipien: Was schützt das Urheberrecht bei Klangaufnahmen?
Wichtig ist zuerst zu verstehen, welche Elemente rechtlich relevant sind:
- Aufnahme selbst: Deine eigene Aufnahme ist dein Werk — du bist grundsätzlich die Urheberin/der Urheber.
- Urheberrechtsgeschützte Beiträge: Stimmen, Musik, performative Elemente, die du aufnimmst, können eigene Urheberrechte haben (z. B. ein Musiker, der auf der Straße spielt).
- Persönlichkeitsrechte: Abgebildete Personen haben Rechte an ihrer Stimme oder erkennbarem Verhalten (je nach Land).
- Eigentumsrechte am Ort: Private Orte oder Einrichtungen können Nutzungsbeschränkungen haben (Museen, Konzerthallen).
Öffentlicher Raum vs. Privatheit — was ist erlaubt?
In vielen Ländern ist das bloße Aufnehmen im öffentlichen Raum erlaubt — aber das bedeutet nicht automatisch, dass du das Material uneingeschränkt veröffentlichen darfst. Ich unterscheide drei Situationen:
- Untersuchbar, nicht individuell: z. B. allgemeine Straßenatmosphäre, Fußgängermengen — meistens unproblematisch, solange keine einzelnen Personen erkennbar hervorgehoben werden.
- Erkennbare Personen oder Künstler: Wenn Stimmen, Gesichter oder Soloperformances erkennbar sind, brauchst du meist ein Einverständnis für die Veröffentlichung.
- Private Grundstücke oder Veranstaltungsräume: Hier gelten oft Aufnahmeverbote oder benötigen explizite Genehmigungen.
Wann brauchst du ein Einverständnis (Release)?
Ich verlasse mich auf einfache Faustregeln. Frage immer um Erlaubnis, wenn:
- Eine Person namentlich genannt wird oder eindeutig erkennbar ist.
- Eine Person gesungen oder gesprochen hat und diese Performance zentraler Bestandteil deines Tracks wird.
- Aufnahmen in privaten oder geschützten Räumen gemacht wurden.
Für Straßenszenen, bei denen keine einzelne Person hervorgehoben wird, verzichte ich manchmal auf Releases — allerdings nur, wenn die Personen nicht im Fokus stehen und die Veröffentlichung keine kommerzielle Ausbeutung darstellt.
Wie ein einfaches Einverständnis-Formular aussehen kann
Ich habe ein kurzes Release-Template, das sich bewährt hat. Du kannst es anpassen. Wichtige Punkte:
- Wer gibt die Erlaubnis (Name, Kontakt)
- Wofür wird die Aufnahme verwendet (Album, Streaming, Promo)
- Ob eine Vergütung vereinbart wurde
- Datum, Ort und Unterschrift
Beispieltext, den ich nutze:
"Ich, [Name], erkläre mich einverstanden damit, dass die von mir am [Datum] in [Ort] aufgenommenen Stimme/Performance von [Künstlerin/Künstler/Produzentin] für das Album [Titel] und zugehörige Promotion verwendet werden darf. Ich verzichte auf weitere Vergütungsansprüche außer den vereinbarten. Ort, Datum, Unterschrift."
Praktisch: Ich habe die Vorlage als PDF auf meinem Smartphone, unterschreibe digital oder lasse Menschen mit kurzem Voice-Statement zustimmen und notiere anschließend die Zustimmung schriftlich.
Musik im Hintergrund — Vorsicht bei fremden Kompositionen
Wenn in deiner Aufnahme fremde Musik läuft (Radio, Straßenmusiker, Konzertmitschnitte), handelt es sich oft um urheberrechtlich geschützte Werke. Hier gelten zusätzliche Regeln:
- Für veröffentlichte Musik brauchst du in der Regel eine Lizenz von den Rechteinhabern und eventuell von Verwertungsgesellschaften (z. B. GEMA in Deutschland).
- Bei kurzen Schnipseln besteht kein genereller "Freiheitsbereich" — die Beurteilung ist fallabhängig. Ich rate zur Vorsicht.
- Alternativ: Entfernen oder maskieren (z. B. EQ, Spektral-Editing) oder die Musik komplett nachsynchronisieren mit lizenzfreier Musik.
Wenn du Aufführungsrechte und Masterrechte brauchst
Publizierst du ein Album, wird oft zwischen Kompositionsrechten (Songwriter, Verleger) und Masterrechten (Aufnahme) unterschieden. Bei Field Recordings können zusätzliche Rechte auftreten:
- Moralische Rechte der aufgenommenen Person: Namensnennung, Schutz vor Entstellung.
- Rechte der Aufführung: Wenn du eine Live-Performance aufgenommen hast, brauchst du ggf. die Erlaubnis der Performer*innen.
Bei Unsicherheit: Kontakt zur lokalen Verwertungsgesellschaft, einem Anwalt für Medienrecht oder einem Musikverlag kann viel Ärger ersparen.
Creative Commons und andere Lizenzen — wann helfen sie?
Ich nutze gerne Creative-Commons-lizenzierte Field Recordings (z. B. von Freesound.org), achte aber auf die Lizenzbedingungen:
- CC BY verlangt Namensnennung.
- CC BY-SA verlangt zusätzlich, dass deine Veröffentlichung unter derselben Lizenz steht.
- CC BY-NC verbietet kommerzielle Nutzung (für ein kommerzielles Album ungeeignet ohne Erlaubnis).
Tipp: Dokumentiere immer die Lizenz-URL und den Urheber beim Import deiner Audio-Dateien (DAW-Projektdateien können Metadaten aufnehmen).
Praktische Tools und Vorgehensweise
Meine Workflow-Empfehlung:
- Vor der Aufnahme: Abschätzen, ob Personen im Zentrum stehen; Release-Formular bereit halten.
- Während der Aufnahme: Metadaten notieren (Datum, Ort, Kontext, Personen, Lizenzstatus). Tools wie Voice Memos oder Notion helfen unterwegs.
- Recorder: Ich nutze oft einen Zoom H5 oder einen Tascam DR-40X — wichtig sind saubere Takes und Backup-Kopien.
- Nachbearbeitung: Wenn fremde Musik stört, nutze iZotope RX oder Audacity zur Rauschunterdrückung oder zum Entfernen von Frequenzen.
- Dokumentation: Bewahre Releases, E-Mails und Lizenzen ordentlich (PDF-Ordner in der Cloud).
Wie attribuiere ich korrekt?
Wenn Lizenzbedingungen Attribution verlangen, nenne folgende Angaben im Album-Booklet, in den Metadaten und auf der Webseite:
- Name des/der Recorders/in oder Urhebers
- Titel der Aufnahme (z. B. "Marktgeräusche, Dakar 2024")
- Datum und Ort
- Lizenzangabe und Link (z. B. "CC BY 4.0 — https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/")
Beispiel-Attribution, die ich nutze: "Field Recording 'Café St-Germain, Paris' aufgenommen von Élise Durand, 12.03.2023 — CC BY 4.0 (wenn anwendbar)".
Fallbeispiele aus meiner Praxis
Einmal nahm ich in Lagos eine Straßenband auf; die Musiker forderten Bezahlung für die Nutzung in einem kommerziellen Projekt. Wir verhandelten eine einmalige Gebühr und eine kurze schriftliche Erlaubnis — problemlos. In einem anderen Fall hatte ich kurze Radiofragmente in meinen Aufnahmen: Die Radiostation bestand auf Entfernen für die Albumveröffentlichung, andernfalls hätte ich Lizenzkosten zahlen müssen.
Checkliste vor Veröffentlichung
| Aufgabe | Erledigt (Ja/Nein) |
|---|---|
| Release für erkennbaren Personen eingeholt | |
| Lizenzen für fremde Musik geprüft | |
| Attributionstext vorbereitet | |
| Metadaten in Audio-Dateien eingetragen | |
| Backup aller Releases/Lizenzen in der Cloud |
Wenn du magst, kann ich dir auch eine editable Release-Vorlage als PDF oder ein kurzes Beispiel für eine Attributionstextdatei schicken. Sag mir, welche Länder oder Situationen du planst — rechtliche Details unterscheiden sich oft national.